Zwischen Feld, Wolle und Kaffee: Ein neuer Reisetag in Rumänien
Während halb Europa noch im Bett liegt oder sich durchs Frühstücksbuffet kämpft, stehe ich vor unserem Camper und versuche mit ein paar Dehnübungen so etwas wie Sport zu simulieren. Meine Knochen knacken dabei wie ein altes Fachwerkhaus – Sonntag eben.
Hinter mir tut sich etwas. Kein Rasenmäher, kein Frühschoppenchor, sondern eine Schafsherde, die gemächlich über das abgeerntete Feld zieht. Goldenes Stoppelfeld, weiße Wolle – das wirkt fast wie der Beginn eines Gedichts, wäre es nicht Sonntagmorgen um sechs.
Natürlich greife ich sofort zur Kamera. Klick. Noch ein Klick. Der Schäfer bemerkt mich sofort. Er schaut nicht böse, eher so, als frage er sich: Was macht der komische Typ da am Feldrand – Yoga oder Vogelscheuche? Wir laufen uns entgegen, nicken, gestikulieren – und dann das große Ja: Ich darf ihn fotografieren. Klick. Fertig. Ein Gesicht, in das der Sonntag direkt eingraviert ist – rau, echt, ein bisschen so, als hätte er das Feld selbst mit bloßen Händen geerntet.

Wildcampen in freier Natur – unsere Morgenroutine
Dann treibt er seine Herde weiter über das Feld, als sei das alles das Normalste der Welt. Ich bleibe mit meinem kleinen „National Geographic“-Moment zurück. Zeit, Pius aus dem Schlaf zu reißen – was er mit der Begeisterung eines Teenagers am Sonntagmorgen aufnimmt. Wir gönnen uns ein ausführliches Frühstück, Camperleben deluxe: Brot, Aufschnitt, Nutella, heißer Kaffee und die ersten Sonnenstrahlen als Gesellschaft.
So beginnt für uns ein typischer Morgen auf unserer Camperreise durch Rumänien – mit Begegnungen, die man beim klassischen Campingplatz wohl kaum erleben würde, sondern eher beim Wildcampen in freier Natur. Nach der Morgenstärkung geht’s ans Aufräumen, oder sagen wir: das, was man unterwegs für „auf Vordermann bringen“ hält. Wer das Bild vom Camperheck nach den ersten 1.500 Kilometern gesehen hat, weiß: Die Realität hat da längst ihre Spuren hinterlassen. Aber immerhin – alles verstaut, nichts fällt raus, und wir sind startklar. Apropos startklar: Wie unsere große Osteuropa-Reise überhaupt begann, könnt ihr hier nachlesen.

Unser Ziel: Transsilvanien. Sonntag oder nicht – wir wollen Dracula besuchen. Oder besser gesagt: die Burg Corvin in Hunedoara. Aber bevor wir auf gotische Mauern stoßen, warten erst mal rumänische Straßen, die eher nach Teststrecke für Stoßdämpfer aussehen, und Verkehrsschilder, die anscheinend im Sonderangebot gemischt wurden. Sonntagsspaziergang für Anfänger ist das jedenfalls nicht.
Von Abramut nach Hunedoara – die lange Fahrt ins Dracula-Land
Nach unserem Schäfer-Idyll und kleinem Wildcamping-Abenteuer in Abramut rollten wir also los. Ziel: Hunedoara, die Burg Corvin. Google Maps versprach uns etwas über 4 Stunden Fahrt. Rumänische Realität übersetzt das ungefähr so: „Du fährst, solange dein Rücken durchhält, und dann nochmal so lange, bis dein Beifahrer die Eiswürfel rationieren will.“ Denn es ist erst Anfang August, die Sonne hat schon früh Kraft, und es zeichnet sich ab, dass es wieder ein sehr heißer Tag werden wird
Erster Halt: Marghita. Eine kleine Stadt, die uns vor allem durch kalte Getränke, Eis am Stiel und die wichtigste Errungenschaft des Tages in Erinnerung bleiben wird: Eiswürfel im Tiefkühlfach. Ein Luxus, der auf Camperreisen ungefähr so wichtig ist wie Strom oder Internet. Optisch machte Marghita den Eindruck, als hätte man die große Frühjahrsputzaktion ein paar Jahre in Folge übersprungen – nicht blitzblank, aber eben auch kein Schmuckkästchen.
Der Stausee mit 1,8 km langer Brücke
Danach änderte sich die Landschaft. Erst endlose Felder, karg und weit, als hätte hier jemand die Landwirtschaft auf Pause gedrückt. Dann sanfte Hügel, die aussahen wie eine überdimensionale Modelleisenbahnplatte. Und schließlich der Barcău-Stausee mit der im Bau befindlichen Autobahnbrücke: Betonpfeiler, Fahrbahnen – alles da, und trotzdem fehlt noch einiges. Klar zu erkennen ist aber, dass es einmal eine der wichtigsten Verkehrsachsen des Landes wird.
Die Brücke gehört zum Viadukt Suplacu de Barcău, rund 1,8 Kilometer lang und Teil der geplanten Autobahn A3, der Autostrada Transilvania. Diese soll auf etwa 600 Kilometern Bukarest mit der ungarischen Grenze verbinden. Schon seit den frühen 2000er Jahren wird hier gebaut, Verträge wurden mehrfach vergeben und wieder gestoppt – die Pfeiler standen jahrelang unvollendet in der Landschaft. Erst in den letzten Jahren kam wieder Bewegung in das Projekt, das für Rumänien zu einem Symbol für ehrgeizige, aber zähe Infrastrukturprojekte geworden ist.

Mit dem Camper im Dachmekka von Transsilvanien
Spätestens in Huedin mussten wir uns die Augen reiben. Beim Reinfahren staunten wir nicht schlecht: Häuser wie Paläste, Dächer wie Zuckerbäckerträume, alles verspielt, golden, reich verziert. Manche wirkten verlassen, andere wie Dauerbaustellen. Es war eine wilde Mischung zwischen „Disneyland in der Provinz“ und „Prunkvilla mit Bauruine“. Kaum zu übersehen, aber man fragt sich, wer da eigentlich wohnt – oder ob überhaupt jemand wohnt. Ein Foto war Pflicht.

Und diese Dächer haben Geschichte. Gebaut wurden die meisten dieser Paläste von Roma-Familien, die in den 1990ern oder 2000ern durch Auslandsarbeit oder Handel zu Geld kamen. Statt Aktien oder Sparbuch setzte man auf Sichtbarkeit – und zwar in Dachform. Jeder Giebel, jede Spitze sollte größer, auffälliger, glänzender sein als die vom Nachbarn. Früher glänzte es gern kupfern – die absolute Goldkette fürs Haus. Heute sind es mehrstufige, überbordend verspielte Konstruktionen, die aussehen, als hätte Versailles ein Praktikum bei IKEA absolviert.

Das Problem: Nicht jedes Projekt wurde jemals fertig. Unten bleibt der Rohbau grau, oben thront das Zuckerbäcker-Dach, als hätte es das Haus überholt. In der Nachbarschaft sorgen diese Bauwerke bis heute für Diskussionen – für die einen sind sie Symbole von Stolz und Aufstieg, für die anderen reine Bausünden. Für uns Durchreisende wirkt es jedenfalls wie eine Architektur-Olympiade ohne Schiedsrichter: gewonnen hat der, dessen Dach am weitesten in den Himmel ragt.
Von Landstraße zu Luxusbelag – E-Vignette in Rumänien muss sein
Bevor wir uns auf die rumänische Autobahn wagten, war klar: Ohne E-Vignette kein Asphaltvergnügen. Und weil wir keine Lust auf Knöllchen hatten, hielten wir brav an und regelten das digital. Also: tollvignettes.com, Paypal gezückt, 20,99 € bezahlt – davon fast 8 € Servicegebühr, versteht sich. Bürokratie deluxe eben.
Aber hey – dafür kam die Bestätigung direkt per Mail. Zack, genehmigt, freigeschaltet, Vollgas (na ja, Campermaßstab). Wenn man ehrlich ist, war das die schnellste Verwaltungsangelegenheit seit langem. Fast schon verdächtig effizient. Wenn du weißt, was ich meine.
Und so rollten wir auf dem nächsten Abschnitt tatsächlich auf echter, glatter, liniengezogener Autobahn dahin. Komfortabel, fast ungewohnt – und ein bisschen wie auf einer Teststrecke für Wohnmobil-Träume.

👉 Hinweis am Wegesrand
Rumänien – Vignette für die Autobahn
Wer in Rumänien mit dem Wohnmobil unterwegs ist, braucht unbedingt eine elektronische Vignette (Rovinieta). Sie muss vor Fahrtantritt gekauft und aktiviert werden – sonst drohen hohe Strafen.
Stand August 2025 – Preise (*n.m. =nicht möglich)
| Fahrzeugklasse | 1 Tag | 7 Tage | 30 Tage | 12 Monate |
| PKW / Wohnmobil bis 3,5 t | ~ 2,50 € | *n.m | ~ 3,30 € | ~ 5,30 € |
| Wohnmobil über 3,5 t | ~ 4,00 € | ~ 16,00 € | *n.m | ~ 32,00 € |
Die Preise variieren je nach Fahrzeugklasse (PKW vs. gewerblich, Gewicht, Achszahl, Fahrzeugtyp) und gültiger Zeitdauer (Tage, Monat, Jahr).
Wir hatten die die Vignette online über digitalemautvignetten.de gekauft. Aber Achtung: Hier werden Vignetten für mehrere Länder angeboten – es ist dafür auch teurer. Es wurde allein eine Servicegebühr in Höhe von 9,49 € fällig. Empfehlenswert ist der Kauf über roviniete.ro
Wichtig:
- Die Vignette ist auf allen Nationalstraßen (nicht nur Autobahnen) Pflicht.
- Gilt nicht innerorts (also innerhalb von Städten und Gemeinden).
- Kontrolle erfolgt elektronisch per Kennzeichenerfassung.
- Neben der Vignette können noch Brückenmautgebühren anfallen (z. B. Donauquerungen)
Noch ein Hinweis
Sollten sich die Preise für die Vignette inzwischen geändert haben oder habt ihr neue Infos zu Besonderheiten beim Kauf (z. B. Verkaufsstellen, Online-Portale, Kontrolle), schreibt das gern unten in die Kommentare. So bleibt der Beitrag aktuell und alle profitieren davon.
Vor den Toren der Transsilvanischen Alpen
Nach einem Tank- und Müllstopp am Ortsausgang ging es weiter Richtung Süden – über Cluj-Napoca, Florești, Turda und Aiud/Straßburg am Mureș. Und mit jedem Kilometer wurde das Panorama dramatischer.
Vor uns erhoben sich die Transsilvanischen Alpen. Kein gemütliches Mittelgebirge wie im Harz, sondern eine massive Wand aus Stein und Wald – düster, steil, eindrucksvoll. Die Straße wirkte, als würde sie direkt in die Felsen krachen, und man erwartete fast, dass hinter dem nächsten Hang ein Burgturm auftaucht. Dracula wäre zufrieden gewesen.
Wildcampen in Rumänien – Abendstimmung am Fluss Strei bei Bacia
Gegen halb sechs am Abend erreichten wir unseren neuen Übernachtungsplatz. Wildcampen in Rumänien bedeutet hier: Natur pur am Fluss Strei, nahe Bacia – Koordinaten 45.815126, 23.036510 für alle, die ihre Seele baumeln lassen wollen. Der Weg dorthin war etwas holprig und bot gratis 3-Meter-Astkontakt für die Dachkante – aber alles in allem befahrbar, solange man den Camper nicht wie einen Sportwagen behandelt.
Schon beim Aussteigen lag dieses besondere Gefühl von Freiheit in der Luft, das man nur beim Freistehen spürt. Keine Nachbarn, keine Stellplatzordnung, nur Wasserrauschen und Abendsonne – genau das, was für uns Wildcamping ausmacht.


Ich setzte mich an den Rand des Flusses, ließ die Beine ins Wasser baumeln, während sich mein Sohn mit voller Kraft gegen die Strömung warf und den Fluss mit jeder Faser seines Körpers genoss – eben eine echte Wasserratte. Dabei streifte er wohl über ein paar Steine und zog sich eine kleine Verletzung am Oberkörper zu. Halb so wild: ein bisschen Desinfektion, ein Pflaster drauf, und unser Abenteuer geht weiter.
Als die letzten Badegäste verschwanden, kehrte eine beeindruckende Stille ein. Kein Auto, kein Generator, kein Windrad. Nur wir, der Fluss und die Nacht. Wir zogen uns zurück in den Camper hörten das Rauschen des Flusses und schliefen ein.
Ein Tag der Ruhe – außen. Und Arbeit – innen.
Am nächsten Morgen wachten wir spät auf – kein Wecker, keine Menschenseele, kein Geräusch. Es war schnell klar: Wir bleiben hier. Ich nutzte die Zeit, um in aller Ruhe den Blogbeitrag über Auschwitz fertigzustellen. Keine leichte Aufgabe. Die Bilder, die Worte, das Sortieren – das war kein kleiner Text, das war ein kompletter Arbeitstag. Und einer, der mich selbst mehr berührt hat, als ich es vorher gedacht hätte.

Draußen lag der Fluss Strei still und unbeeindruckt, drinnen klapperte nur die Tastatur. Und irgendwo zwischen Absatz und Bildunterschrift schoben sich schon die Gedanken an die nächste Etappe dazwischen: die mächtige Burg Corvin in Hunedoara, wo Vlad der Pfähler – besser bekannt als Dracula – einst gefangen gewesen sein soll. Da konnten wir uns ein kleines Grinsen nicht verkneifen und suchten vorsorglich schon mal nach Knoblauch im Camper 😉. Ein Ziel voller Geschichte, Mythen und steinerner Wucht, das wir uns auf keinen Fall entgehen lassen wollten
Draußen floss der Strei ruhig dahin – in mir war es alles andere als ruhig.
Pius hingegen wurde kreativ auf andere Weise: Er errichtete mit viel Elan eine kleine Staumauer im Fluss, probierte verschiedene Techniken, um das Wasser zu lenken – vermutlich der stillste Wasserbauversuch östlich der Alpen – und sicher einer der unterhaltsamsten.
Mittags gab’s ein erweitertes Frühstück: weiße Bohnen in Tomatensauce, dazu Brot mit gebratener Paprika, Tomatenmark, kräftig gewürzt – und Spiegelei obendrauf. Kulinarisches Campinglevel: Balkan-Bistro mit Aussicht.

Der Rest des Tages verging mit Gammeln, Planschen, Abstand gewinnen. Kein Lärm, keine Termine – Starlink Mini war da, aber wir haben’s einfach mal ignoriert. Nur Natur, Fokus – und das beruhigende Gefühl, am richtigen Ort zu sein in Rumänien.
Am Abend war klar: Morgen werden wir Burg Corvin erobern. Ausgeschlafen, abgekühlt, vorbereitet. Hunedoara kann kommen.
Und während wir so am Ufer saßen, Markise ausgerollt, der Tisch draußen, der Sonnenschirm aufgeklappt, kein Mensch weit und breit – da war es genau das: der Platz, den ich mir immer gewünscht hatte. Absolut naturnah, direkt am Wasser, ohne Vorschriften, ohne Campingplatzetikette. Freiheit pur. Einfach wunderschön.
Am nächsten Morgen sollte es dann wirklich nach Hunedoara gehen – zur Burg Corvin in Rumänien. Doch das ist eine andere Geschichte.

👉 Hinweis am Wegesrand
Wildcampen am Fluss Strei in Rumänien – Koordinaten
Für alle, die den Platz selbst ansteuern möchten: Koordinaten 45.815126, 23.036510. Direkt am Fluss, ruhig gelegen, mit etwas holpriger Zufahrt – aber ideal für eine entspannte Nacht in der Natur. Perfekt für alle, die Ruhe suchen und ein Stück echtes Rumänien erleben wollen.
Habt ihr selbst schon in Rumänien mit dem Wohnmobil übernachtet?
Teilt eure schönsten Plätze, Tipps und Erfahrungen unten in den Kommentaren – vielleicht entsteht hier eine kleine Sammlung, von der alle profitieren können.



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