Sonntag in der Morgendämmerung – Lyon, leider ohne Baguette
Der 18. Mai begann… früh. Noch vor Sonnenaufgang packten wir unsere sieben Sachen, warfen kaltes Wasser ins Gesicht und brühten uns mit einem leicht schuldbewussten Blick auf die Uhr einen Instantkaffee auf – der französische Kaffeegott möge uns verzeihen. Der erste Reisetag war geschafft, und der zweite klopfte schon ungeduldig ans Fenster. Unser Ziel: mit dem Wohnmobil in den Süden. Genauer gesagt: die Camargue – dieses flirrende Stück Frankreich zwischen Salz, Wind, Strand und Meer. Mehr Wärme. Mehr dieses „Wir sind wirklich unterwegs“-Gefühls.
Kaum losgefahren, durchquerten wir Lyon – eine Stadt, mit der uns kulinarisch mehr verbindet, als man denkt. Dort gibt es diese eine Bäckerei, bei der wir sonst immer unsere heißgeliebten, knusprig belegten Baguettes holen. Außen knusprig, innen weich. Eines mit Schinken-Käse, eines mit Thunfisch. Der erste Biss! Dieser Duft! Diese Brösel, die wie Urlaub schmecken!
…Nur: Es war Sonntag. Und Frankreich am Sonntag ist wie ein gut sortierter Kühlschrank mit Schloss – du weißt, was du willst, aber du kommst nicht ran. Die Bäckerei? Geschlossen. Der Hunger? Wach.
Ach ja – und dann war da noch dieses Schild
Ein blaues Verkehrsschild mit weißem Diamanten, gut sichtbar über der Fahrbahn. Sieht harmlos aus, fast wie ein Designexperiment der Straßenmeisterei – ist aber eine ziemlich ernste Ansage. Denn: Die Spur darunter ist nicht für alle da. Sie ist reserviert – für Fahrgemeinschaften (mindestens zwei Personen), Elektroautos, Busse und Taxis. Wer solo unterwegs ist, sollte sie meiden.
Und wer es trotzdem tut? Der zahlt. 135 Euro Bußgeld.
Zumindest offiziell. Wer zügig zahlt, kommt mit rund 90 Euro davon – eine Art Frühbucherrabatt der uncharmanten Art. Die Einhaltung wird übrigens häufig per Kamera überprüft. Frankreich meint das ernst. Also: Augen auf beim Rautenlauf!

Die „Baguetterie“ – unser kulinarischer Fixpunkt
Was das Ganze noch bitterer machte: Wir wussten ganz genau, was wir verpasst hatten. Seit 2021 kennen wir diesen Ort – ein unscheinbares Gebäude am Rand von Charly, südlich von Lyon, aber für uns längst ein fester Bestandteil jeder Reise in den Süden. La Ferme de Charly – das klingt nach Bauernhof, und genau das ist es auch: ein Hofladen mit eigener Backstube, Feinkostregal und einer Prise französischer Lebenskunst.
Hier riecht es nach frisch gebackenem Brot, nach Kräutern, Käse und warmem Gebäck. Zwischen regionalem Gemüse, Marmeladen, Käse aus eigener Produktion und landwirtschaftlicher Bodenständigkeit liegt eine kleine Theke, an der das Leben duftet: belegte Baguettes, Sandwiches, Pizzastücke – alles handgemacht, frisch, ehrlich.
Unser Favorit?
Ganz klar: das Baguette mit Schinken und Käse. Außen kross, innen luftig, genau der richtige Widerstand beim ersten Biss. Gefolgt vom Thunfisch-Baguette, das irgendwo zwischen Mittelmeer und Butterträumen pendelt. Es sind diese kleinen Dinge, die auf Reisen plötzlich einen Rhythmus schaffen – Orte, an denen man kurz nicht mehr unterwegs, sondern einfach da ist.
Seitdem ist dieser Zwischenstopp bei Lyon unser kulinarischer Fixpunkt. Kein Gourmettempel, kein Instagram-Hotspot, sondern ein Stück gelebte Normalität, die nach Urlaub schmeckt.
Nur: Dieses Mal war Sonntag. Und Sonntag in Frankreich heißt – egal wie verlockend der Duft in der Erinnerung hängt – geschlossene Türen. Kein Schinken, kein Thunfisch, kein warmes Baguette, das im Papier raschelt. Nur wir, der Hunger, und eine verschlossene Tür, hinter der es nach allem roch, was wir wollten.


👉 Hinweis am Wegesrand
La Ferme de Charly – Hofladen, Backstube & Bistro bei Lyon
Adresse: 1232 Route de Saint-Abdon, 69390 Charly, Frankreich
Koordinaten: 45.664570, 4.793676
Öffnungszeiten: Montag–Samstag 06:30–20:00 Uhr (sonntags geschlossen)
La Ferme de Charly ist kein gewöhnlicher Bäcker, sondern ein regionaler Hofladen mit eigener Backstube, Feinkostabteilung und Bistroküche.
Hier entstehen frische Baguettes, Sandwiches und Pizzen, viele Zutaten stammen direkt vom eigenen Hof oder von Produzenten aus der Umgebung. Neben Brot und Gebäck findet man Käse, Wurst, Gemüse, Marmeladen und kleine Spezialitäten aus der Region Rhône-Alpes.
Unser Grand California rollte durch Lyon, wie zwei Verdurstende durch die Sahara – bis plötzlich Hoffnung aufblinkte: Eine Tankstelle! Preislich verdächtig fair, vermutlich ein Geheimtipp Nur… sie war beliebt. Sehr beliebt. So beliebt, dass an unserer Zapfsäule irgendwann das Schild „Kein Belegdruck möglich“ aufleuchtete. Kein Scherz: digitale Anzeige, kein Papier, keine Quittung. Ich machte sicherheitshalber ein Foto vom Preis, aber ob das später jemand als Reisekosten akzeptiert, bleibt fraglich.
200 Meter weiter: ein Lidl. Und der – man glaubt es kaum – hatte sonntags bis 12:15 Uhr geöffnet. Gott segne französische Ausnahmeregelungen! Wir rein, französisch orientierungslos, aber motiviert: Käse, Trauben, Erdbeeren – ein Frühstück wie aus dem Bilderbuch. Wenn auch nicht vom Bäcker, so doch von Herzen.

👉 Hinweis am Wegesrand
Tanken & Einkaufen bei Lyon – unsere Fundstücke
Tankstelle Intermarche
Koordinaten: 45.57394, 4.81056
Adresse: 1 Rue Jean Macé, 69960 Corbas (Intermarché Super Corbas)
Öffnungszeiten: 24 Stunden am Tag
Hinweis: machmal kein Belegdruck möglich, digitale Kartenzahlung, keine Barzahlung.
Supermarkt Lidl
Koordinaten: 45.57723, 4.80584
Adresse: Nähe Rue de la République, 69700 Givors (Lyon-Süd)
Sonntags geöffnet 08:30 bis 12:15 Uhr
Tipp: Einer der wenigen Lidl-Märkte in der Region mit Sonntagsöffnung. Perfekt für frischen Proviant auf dem Weg Richtung Süden.
So ging der Tag weiter, frischer befüllt als geplant – Lyon lag hinter uns, der Süden vor uns. Und obwohl der Schinken-Käse-Baguette-Moment ausfiel, wurde es ein Sonntag mit Geschmack.
Mit an Bord: Dani am Steuer, ich mit dem Navi – und zwei weitere stille, aber äußerst loyale Reisebegleiter auf dem Armaturenbrett. Links: Siggi, der erfahrene Roadtrip-Hase mit mehr Reisetagen auf dem Buckel als mancher Backpacker. Rechts: H ohne Name – vermutlich ein Hahn, vielleicht ein Huhn, sicher aber unser wortkarger Glücksbringer auf dem Armaturenbrett.
Gemeinsam rollten wir weiter gen Süden. Vier Seelen, ein Ziel: Freiheit, Käse und ein Platz mit Aussicht.
Camargue – erst überfüllt, dann einsam
Die Straße wurde schmaler, das Licht flacher, und irgendwo zwischen Reisfeldern, weißen Pferden und flirrendem Wind näherte sich unser Ziel: Sainte-Marie-de-la-Mer. Du hattest uns diesen Ort empfohlen, lieber digitaler Reiseagent – klang idyllisch: eine kleine Stadt am Meer, mitten in der Camargue, mit einem Hauch wilder Romantik.
Nur… hattest du diesmal nicht einkalkuliert, dass an diesem Wochenende irgendein größeres Fest stattfand. Kein offizieller Feiertag, kein nationales Spektakel – aber ganz sicher irgendwas mit Pferden, Marktständen, Musik und sehr, sehr vielen Campingfahrzeugen. Vans, Alkoven, Caravans, Busse – alles, was rollen konnte, stand dort. Und wir mittendrin – oder besser: mittendrin im Rückwärtsgang. Das wurde nichts. Nicht mit der Ruhe. Nicht mit dem „Wir und das Meer“-Gefühl.
Zwischen Reisfeldern und weißen Pferden
Dabei war die Anfahrt ein kleines Spektakel für sich: flache, überflutete Reisfelder spiegelten das Licht, und zwischen ihnen tauchten plötzlich die legendären weißen Camargue-Pferde auf – nicht träumend auf der Weide, sondern in Bewegung, kraftvoll, halb wild, halb majestätisch. Ihr Lauf durchs flache Wasser wirbelte Gischt und Staub zugleich auf, als wollte die Landschaft selbst kurz zeigen, wofür sie steht: Freiheit, Weite, Südfrankreich pur. Ein bisschen Mythenstaub, ein bisschen Filmkulisse, ein bisschen zu schön, um echt zu sein. Und dann – wie so oft im Leben – kam der Bruch: Menschen statt Pferde. Dicht an dicht. Und wir mittendrin auf der Suche nach einer Alternative.


👉 Hinweis am Wegesrand
Die weißen Pferde der Camargue
Sie gehören zu den ältesten Pferderassen Europas – robust, ausdauernd und fast immer weiß. Die Camargue-Pferde leben halbwild in den flachen Ebenen zwischen Rhône-Delta und Mittelmeer. Ihr Fell ist bei der Geburt meist dunkelbraun und hellt erst mit den Jahren auf, bis es dieses typische Grau-Weiß erreicht, das so fotogen in der Sonne glänzt.
Gezüchtet wurden sie ursprünglich von Viehhirten, den „Gardians“, die mit ihnen die schwarzen Camargue-Stiere über die weiten Sumpfgebiete trieben. Heute sind sie das Symbol der Region – Sinnbild für Freiheit, Widerstandskraft und das Zusammenleben von Mensch und Natur.
Wer sie einmal in freier Bewegung gesehen hat, versteht, warum die Camargue mehr ist als nur ein Landstrich: Sie ist eine Haltung.
Naturpark Camargue (offizielle Umweltseite) nur in französischer Sprache
Weiße Riesen im flachen Licht des Südens
Wieder sprangst du ein – ChatGPT, unser Textnavigator mit feinem Gespür für Notausgänge und Nebenrouten. „Probiert’s doch mal da entlang“, hast du geschrieben. Und so fuhren wir raus, vorbei an den eindrucksvollen Salzbergen, die sich wie Gletscher aus einer anderen Welt in die Ebene legten. Die Sonne hing schräg, der Wind zog Furchen durch das Gras.

Der Weg zum Strand war… sportlich. Einspurig, staubig, mit genug Platz für ein Fahrzeug – aber definitiv nicht für Gegenverkehr mit Niveau. Dani übernahm das Steuer – mit kühlem Kopf und viel Fingerspitzengefühl. Sie manövrierte uns souverän über die schmale Strecke, als sei sie dort groß geworden.
Und dann: Ankunft. Eine breite Fläche direkt am Wasser, der Horizont unverschämt weit, ein Hauch Endzeitromantik. Diese Ruhe hatten wir beim Wildcampen am Fluss Strei in Rumänien, wo der Tag sich genauso still über das Wasser legte.

Bevor wir uns häuslich einrichteten, machten wir einen Spaziergang am Strand. Wind in den Haaren, Sand unter den Füßen, Möwen über uns – es war einer dieser stillen Momente, in denen die Zeit kurz den Atem anhält. Nicht viele Worte, aber alles da.
Ein Schild fiel uns schon auf dem Hinweg auf – irgendwas mit Sand, Risiko, Naturraum. Aber erstmal: Campingtisch raus, Stühle raus, Essen anrichten. Die Sonne spielte mit, der Wind ebenso, und wir speisten wie Könige in der Provinz: Bratwürstchen, Brötchen im Olivenöl angetostet, einen mediterranen Salat – das volle Programm. Endlich atmen.

Erst später – du warst schon in die Planung des nächsten Etappenziels vertieft – schlenderte einer von uns rüber zum Schild. Eigentlich nur, um Müll loszuwerden. Und las nochmal. Richtig.
ESPACE NATUREL – NATÜRLICHER BEREICH
RISQUE D’ENSABLEMENT – RISIKO DES EINSANDENS
REMORQUAGE À VOTRE CHARGE – ABSCHLEPPEN AUF IHRE KOSTEN
Na bravo.
Kein offizielles Übernachtungsverbot – aber sehr wohl der dezente Hinweis, dass hier Sand wohnt. Viel Sand. Und wer steckenbleibt, zahlt. Kein „kann passieren“, sondern eher ein: „Passiert garantiert jemandem. Vielleicht dir.“
Ein Platz mit Aussicht – und Risiko
In diesem Moment wurde uns klar: Hier zu schlafen wäre vielleicht landschaftlich schön, aber technisch… optimistisch. Wir blickten in die Runde – andere standen schon verdächtig schief. Und dann: Entscheidung. Aufbruch. Danke für das Abendessen mit Aussicht – aber wir wollten keine Nacht im Schrägstand oder eine Rechnung vom französischen Abschleppdienst.
Was blieb: ein fast perfekter Ort, fast der richtige Moment, und das Wissen, dass ein Schild manchmal erst beim zweiten Lesen seine Wirkung entfaltet.
Abbruch bei Ebbe – auf nach Béziers
Als die Sonne unterging, passierte etwas Merkwürdiges: Einer nach dem anderen packte zusammen. Erst der klapprige Alkoven links von uns, dann das französische Pärchen mit dem Teardrop-Trailer, schließlich sogar das Expeditionsmonster, das vorher noch gewirkt hatte, als müsse es hier den Winter überstehen. Offenbar hatten auch die anderen das Schild jetzt richtig gelesen – oder es war einfach Zeit, weiterzuziehen.
Dabei lag es kaum am Untergrund: Die riesige, flache Sandfläche war überraschend gut befahrbar, fest genug für jedes Gewicht und groß genug für spontane Fahrübungen. Während wir unser Abendessen verdauten, drehten ein paar Jugendliche in ihren Autos ein paar Kreise im Staub – nicht unbedingt TÜV-konform, aber beeindruckend souverän.

👉 Hinweis am Wegesrand
Tipp für einen Strand bei Arles
Strand bei Salin-de-Giraud (Plage de Piémanson)
Koordinaten: 43.346087, 4.794317
Zufahrt: schmale, teils sandige Strecke – Gegenverkehr erfordert Ausweichstellen
Hinweis: Ein Schild warnt vor möglichem Einsanden und weist auf ein Übernachtungsverbot hin („stationnement interdit la nuit“).
Am frühen Abend standen jedoch einige Camper sichtbar vorbereitet vor dem Schild – ob sie dort übernachteten, bleibt offen. Wir selbst haben uns nach dem Abendessen und einem Strandspaziergang entschieden, lieber weiterzuziehen.
Wir folgten dem stillen Exodus. Ziel im Navi: Perpignan – einfach, weil es groß genug war, um unterwegs noch einen Platz zu finden. Dani lenkte den Grand Cali souverän über den schmalen Damm zurück; ich hielt den Blick auf das Display und den Finger auf der Park4Night-App. Kaum waren wir wieder auf der D 900, öffnete der Himmel die Schleusen. Ein kostenloses Ganzkörperpeeling für den Camper – wenigstens war er danach wieder salonfähig.
Regen, Kathedrale und Plan C
Der Regen prasselte, die Müdigkeit wuchs, also ließ ich (nach Fahrerwechsel) deinen nächsten Vorschlag ins System: ein Stellplatz mitten im Zentrum von Béziers. Beim Hineinfahren in die Stadt öffnete sich der Blick – und da stand sie: die Kathedrale von Béziers, angestrahlt, mächtig, fast ehrfürchtig. Eine Szene wie gemalt. Wir standen kurz davor, staunten, schwiegen, spürten: Das war besonders. Wir erreichten unser Ziel. Aber bleiben? Nein. Irgendetwas passte nicht. Vielleicht lag es an der Müdigkeit. Vielleicht an den Leuten, die uns dort begegneten – schwer einzuordnen, irgendwie ruhelos. Vielleicht interpretierten wir alles zu negativ, einfach weil der Tag lang war. Jedenfalls war klar: Wir suchten weiter.
Plan C: Park4Night. Zwei Klicks später blinkte ein grüner Pin – ein schmaler Seitenstreifen direkt am Canal du Midi, ruhig, gerade, angeblich beliebt bei Durchreisenden. Zehn Minuten später standen wir da: links der Kanal, rechts eine alte Bruchsteinhalle, vor uns der Mond hinter Wolken.
Hinter uns parkte bereits ein Kastenwagen; dahinter ein beachtliches Expeditionsmobil. Genug Gesellschaft, um nicht allein zu sein – aber nicht so viel, dass man sich um die Nachtruhe sorgen müsste. Der Regen hörte auf, das Wasser gluckerte leise, und zum ersten Mal an diesem Tag fühlte sich alles stimmig an.
Ich stellte den Motor ab, Siggi und „H ohne Name“ kippten müde zur Seite, und wir taten es ihnen gleich. Der zweite Reisetag endete mit dem Geräusch des Kanals, einem frisch gewaschenen Camper und dem erleichternden Wissen, dass man manchmal drei Anläufe braucht, bis man wirklich ankommt.
In dem nächsten Reisebericht geht es von Béziers über Perpignan nach Roses.
Wer mehr über mich, den Camper und den Reiseblog hinter Hinterm Horizont rechts erfahren möchte, findet unter Über mich ein bisschen mehr über das, was mich antreibt, loszufahren – immer wieder.
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