Um 6:41 Uhr rumänischer Zeit wird es langsam hell – also genau der Moment, in dem man sich fragt, warum man eigentlich schon wach ist. Die Antwort kommt prompt an der Tankstelle: 130 Euro später weiß ich es wieder. Zwei Euro pro Liter – ein echtes Schnäppchen, zumindest wenn ich kurz so tue, als wäre Deutschland noch teurer. Der Plan für heute ist sportlich bis leicht größenwahnsinnig: von Sibiu über Curtea de Argeș zu den Schlammvulkanen irgendwo bei Berca und dann noch ganz entspannt bis nach Constanța ans Schwarze Meer. Autobahn? Kaum. Dafür Landstraße, viel Landstraße – und vermutlich jedes Schlagloch Rumäniens persönlich kennenlernen. Also gar nicht lange nachdenken, einfach losfahren. Klingt nach einem Plan, den man nur früh morgens gut findet.

Eigentlich war der Plan klar: Strecke machen, Kilometer fressen, Richtung Bukarest durchziehen. Und dann kam Boița. Natürlich genau so ein Ort, an dem man eigentlich nicht anhält – außer man sieht aus dem Augenwinkel dieses Licht, diesen Nebel, dieses „Jetzt oder nie“-Motiv. Also rechts ran, kurzer Luftaufnahmestopp – ganz schnell, versteht sich.
Am Ende stand ich dann doch wieder länger draußen, während die Sonne langsam über das Tal kroch und alles in dieses goldene „Ich-bin-gleich-wach-aber-noch-nicht-ganz“-Licht getaucht hat. So viel zum Thema zügig fahren. Danach ging’s dann wirklich weiter in Richtung Curtea de Argeș – diesmal aber wirklich.
Die Strecke an diesem Tag hatte es wirklich in sich. Knapp 700 Kilometer lagen vor uns – und durch die zusätzlichen Stopps, vor allem bei den Schlammvulkanen, haben wir uns noch einmal einen ordentlichen Umweg eingebaut. Hätten wir Curtea de Argeș ausgelassen, wären wir entspannt über Brașov gefahren und hätten uns einige Kilometer gespart. Aber genau darum geht es ja nicht. Wenn ich etwas sehen will, dann gehört das Fahren eben dazu.
Der große Vorteil: Wir waren zu zweit unterwegs und konnten uns beim Fahren abwechseln. Das macht solche Etappen deutlich entspannter, auch wenn die Strecke lang bleibt. Unterwegs hatten wir ja schon ein kleines Frühstück eingeschoben, sodass wir nicht komplett auf dem Zahnfleisch liefen. Und irgendwo im Hinterkopf war da noch ein kleiner Motivationsanker: Am Schwarzen Meer wollten wir uns mindestens zwei Tage Zeit nehmen, bevor es am Donnerstag weitergeht. Also einmal durchziehen – und dann erstmal runterkommen.
Curtea de Argeș – Ankunft
Nach 150 Kilometern sind wir gegen 10:30 Uhr dann schließlich in Curtea de Argeș angekommen – und sind direkt weiter zum Kloster gefahren.
Curtea de Argeș wirkt im ersten Moment deutlich anders als die Strecke dorthin. Nach vielen Kilometern Landstraße und eher ruhigen Abschnitten landet man plötzlich in einem Ort, der spürbar mehr Struktur hat – Straßen, Verkehr, Bewegung. Curtea de Argeș, eine der ältesten Städte der Walachei, liegt am Fluss Argeș, der sich durch das Tal zieht und dem Ort auch seinen Namen gibt. Dadurch bekommt die Umgebung automatisch mehr Tiefe, weniger dieses „kurz ranfahren, anschauen, weiter“-Gefühl. Und genau das passt auch zur Geschichte: Hier lag eines der frühen Machtzentren der Walachei – also kein Zufallsort, sondern ein Platz, an dem über längere Zeit hinweg tatsächlich etwas entstanden ist. Wenn du Rumänien intensiver entdecken willst, findest du hier weitere Ziele und Erfahrungen aus der Reise: Rumänien entdecken.
Parken kann der Besucher direkt auf einem Platz vor dem Kloster.

Nördlich des Klosters öffnete sich der Blick auf die schneebedeckten Berge – genau dort, wo sich die Transfăgărășan durch die Karpaten zieht. Die Sicht war an diesem Tag außergewöhnlich klar. In der Ferne wirkte alles wie frisch gepudert. Und genau da wird einem auch wieder bewusst: Diese spektakuläre Straße ist den Großteil des Jahres gar nicht befahrbar. In der Regel ist sie von etwa Oktober bis Ende Mai oder Anfang Juni gesperrt – je nachdem, wie hart der Winter war.
So beeindruckend der Blick auf die schneebedeckten Berge und die gesperrte Transfăgărășan war, so ernüchternd war dann die Situation unten im Tal.
Man fährt hierher, hat genau dieses eine Bild im Kopf – die berühmte Kathedrale von Curtea de Argeș Monastery – und steht dann erstmal vor… Holz. Viel Holz. Ein riesiges Gerüst, das das komplette Gebäude umschließt und von der eigentlichen Architektur nur noch erahnen lässt, was sich darunter verbirgt.

Die historische Kathedrale ist aktuell großflächig eingerüstet und wird seit Jahren restauriert. Vor Ort weisen Schilder auf ein EU-gefördertes Projekt im Zeitraum 2021 bis 2027 hin. Wie weit die Arbeiten im Detail sind und wann man das Bauwerk wieder vollständig erleben kann, lässt sich nur schwer sagen – bei unserem Besuch war an eine Besichtigung jedenfalls nicht zu denken.
Fast ein bisschen ironisch: Während wir draußen vor dem Gerüst standen, verschwanden immer wieder kleine Gruppen mit Bauhelm im Inneren der Kathedrale. Offenbar gab es eine Art Baubegehung. Für einen kurzen Moment kam tatsächlich der Gedanke auf, sich irgendwo ebenfalls so einen Helm zu organisieren und einfach mitzugehen. Haben wir natürlich nicht gemacht – aber wir hatten kurz darüber nachgedacht.
Die alte Kathedrale stammt aus dem frühen 16. Jahrhundert und ist damit über 500 Jahre alt. Sie war von Anfang an nicht nur Kirche, sondern auch Begräbnisstätte – genau deshalb ist das Thema Nekropole hier so präsent.
Was hier oft nicht sofort bewusst wird: Curtea de Argeș war nicht einfach irgendein Kloster, das irgendwann dazugekommen ist. Hier lag eines der frühen Machtzentren der Walachei – und damit mitten in dem Gebiet, aus dem später Rumänien entstehen sollte. Hier wurde regiert, entschieden, gebaut – nicht nur gebetet. Im 16. Jahrhundert war das kein Punkt auf der Karte, sondern ein politischer Mittelpunkt. Fürsten residierten hier, von hier aus wurde Einfluss genommen, hier wurde Geschichte geschrieben – im wahrsten Sinne des Wortes.
Und genau das spürt man auch heute noch, selbst wenn man sich vorher kaum mit der rumänischen Geschichte beschäftigt hat. Das hier ist kein isoliertes Bauwerk, sondern ein Ort, an dem sich Macht, Religion und Geschichte über Jahrhunderte überlagert haben.
Und genau an so einem Ort entstehen nicht nur einzigartige Bauwerke – sondern auch Geschichten. Eine davon gehört untrennbar zu Curtea de Argeș.

👉 Hinweis am Wegesrand
Die Legende von Meister Manole
Hinter der Kathedrale von Curtea de Argeș Monastery steckt keine einfache Baugeschichte, sondern eine der bekanntesten Legenden Rumäniens.
Der Woiwode der Walachei, Fürst Neagoe Basarab, ließ hier ab 1512 ein Bauwerk errichten, das alles übertreffen sollte, was es bis dahin gab. Meister Manole und sein Team machten sich an die Arbeit. Doch egal, was sie am Tag aufbauten – in der Nacht fiel es wieder in sich zusammen. Immer wieder. Stein für Stein, Tag für Tag.
Irgendwann war klar: So wird das nichts. Und gleichzeitig wuchs der Druck durch den Fürsten. Ob als offene Drohung oder unausgesprochene Erwartung – Scheitern war keine Option.
Manole hatte eine Eingebung: Das Bauwerk würde nur Bestand haben, wenn ein Opfer gebracht wird. Die erste Frau, die am nächsten Morgen zur Baustelle kommt, sollte eingemauert werden.
Und wie es die Geschichte will, ist es seine eigene Frau.
Sie kommt ahnungslos, bringt ihm Essen – und wird Teil des Bauwerks. Lebendig eingemauert. Erst danach bleiben die Mauern stehen. Die Kathedrale wächst, wird vollendet und wird genau so, wie der Fürst es sich gewünscht hat: einzigartig.
Aber die Geschichte hört hier nicht auf.
Nachdem das Bauwerk fertig ist , stellt der Fürst eine scheinbar harmlose Frage: Ob sie etwas noch Schöneres bauen könnten. Die Antwort der Baumeister, Ja, das könnten sie.
Ein fataler Fehler.
Denn genau das wollte der Fürst nicht hören. Also lässt er das Gerüst entfernen, während die Männer noch oben auf dem Dach stehen. Kein Weg mehr nach unten. Kein Ausgang. Keine zweite Chance.
In ihrer Verzweiflung bauen sie sich Flügel aus Holz – ein letzter Versuch, dem Schicksal zu entkommen. Einer nach dem anderen springen sie.
Keiner überlebt.
An der Stelle, an der Manole aufschlägt, soll der Legende nach eine Quelle entsprungen sein.
Curtea de Argeș – mehr als nur eine Kirche
Was viele im ersten Moment gar nicht einordnen: Es bleibt nicht bei dieser einen Kirche. Direkt daneben steht eine neuere Kathedrale, deutlich zugänglicher und aktuell der Ort, an dem alles stattfindet. Und genau hier wird es auch historisch spannend, denn die Anlage ist nicht nur ein Kloster, sondern eine königliche Nekropole.

Direkt neben der historischen Kathedrale steht eine deutlich neuere Kirche – und genau hier spielt sich heute der eigentliche Besuch ab. Während die alte Fürstenkirche aktuell hinter Gerüsten verschwindet, ist die neue Kathedrale zugänglich – und zugleich der Ort, an dem ein Teil der rumänischen Königsfamilie seine letzte Ruhestätte gefunden hat.
Die Grabstätten verteilen sich dabei auf beide Kathedralen – die historische Fürstenkirche und die neuere Anlage.
In den Kathedralen sind mehrere Mitglieder der rumänischen Königsfamilie beigesetzt – unter anderem König Carol I., König Ferdinand I. und auch Carol II. sowie weitere Angehörige.
Und genau das verändert den Blick auf diesen Ort.
Du gehst hier nicht einfach durch eine Kirche. Du stehst plötzlich an einem Ort, an dem ein Teil der rumänischen Geschichte tatsächlich endet. Namen, die man vielleicht irgendwo schon einmal gehört hat, liegen hier nicht abstrakt in Büchern – sondern direkt vor dir, unter Steinplatten, in einem Raum, der gleichzeitig still und erstaunlich präsent wirkt.
Es ist kein großes Spektakel. Keine Inszenierung. Eher das Gegenteil: ruhig, fast unscheinbar – und gerade deshalb bleibt es hängen. Weil einem in dem Moment klar wird, dass das hier nicht nur ein historisches Gebäude ist, sondern ein Ort, an dem Geschichte einen konkreten Punkt hat.
Das Kloster – ruhig, weitläufig und überraschend zurückhaltend
Ergänzt wird das Ganze durch die eigentliche Klosteranlage: längere Backsteinbauten, Arkaden, ein Turm, gepflegte Wege und kleine Grünflächen. Fast wirkt es wie ein ruhiger Campus, deutlich zurückhaltender als die beiden Kirchen, aber genau hier spürt man, dass es sich nicht nur um eine Sehenswürdigkeit, sondern um ein funktionierendes Kloster handelt.

Eine unerwartete Ausstellung im Kloster
Im Klostergebäude selbst stößt man dann plötzlich auf eine kleine Ausstellung, die man so erstmal nicht erwartet. Historische Aufnahmen der rumänischen Königsfamilie hängen dort neben modernen Nachstellungen – nachgespielt von Schülern. Oben das Original, unten die Interpretation. Das wirkt im ersten Moment fast ein bisschen improvisiert, hat aber genau dadurch seinen Reiz. Geschichte zum Anfassen, nur eben nicht geschniegelt und perfekt, sondern mit einem ganz eigenen, lokalen Charme.

Curtea de Argeș – Lohnt sich der Besuch?
Eigentlich sprach an diesem Tag vieles gegen diesen Stopp. Die Transfăgărășan gesperrt, die berühmte Kathedrale eingerüstet – genau das, weshalb man hierherkommt, war nicht wirklich zugänglich. Und trotzdem bleibt etwas hängen.
Weil dieser Ort mehr ist als das, was man auf den ersten Blick sieht. Curtea de Argeș ist kein klassischer „hinfahren, anschauen, abhaken“-Ort. Dafür fehlt vielleicht im Moment sogar das perfekte Postkartenmotiv. Aber genau das verschiebt den Blick. Weg vom reinen Bauwerk – hin zu dem, was dieser Ort eigentlich ist.
Ein früher Machtmittelpunkt der Walachei. Eine königliche Nekropole. Ein Kloster, das bis heute genutzt wird. Und mittendrin diese Mischung aus Geschichte, Gegenwart und Baustelle, die nicht geschniegelt wirkt, sondern ehrlich. Man steht hier nicht vor einem perfekt inszenierten Denkmal, sondern in einem Ort, der einfach weiterlebt. Zwischen Besuchern, Baugerüst und stillen Innenräumen entsteht etwas, das man schwer fotografieren kann – aber genau deshalb im Kopf bleibt.
Vielleicht nicht dieses „Wow, genau so habe ich es mir vorgestellt“. Aber eher ein leiser Moment, der sich festsetzt.
Und genau deshalb lohnt sich der Stopp.
Unterm Strich: Gehört es für einen Rumänien-Reisenden auf die Liste. Eine wichtige Sehenswürdigkeit hier in der Walachei – und mit etwa einer Stunde bist du gut dabei.
Wir hatten heute noch einiges vor und mussten weiter. Unser nächstes Tagesziel: die Schlammvulkane bei Berca.
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