Auf dem Weg zu den Holzkirchen von Bârsana
Die Holzkirchen von Bârsana gehören zu den eindrucksvollsten Bauwerken Rumäniens. Im Iza-Tal in der Maramureș steht hier eine der höchsten Holzkirchen Europas – 57 Meter, gebaut komplett ohne einen einzigen Eisennagel. Einen Kilometer weiter, oben auf dem Hügel Jbar, ragt die ältere Dorfkirche „Mariä Tempelgang“ auf, die seit 1999 zum UNESCO-Welterbe gehört.
Das Kloster selbst ist bereits 1390 urkundlich belegt, wurde 1791 unter Kaiser Joseph II. aufgelöst und 1993 von den Bewohnern Bârsanas aus Spenden wieder aufgebaut – Holz für Holz, mit den Werkzeugen, mit denen ihre Vorfahren schon vor 300 Jahren gegen die Pest gebetet hatten. Karfreitag, Anfang April: für uns Grund genug, dort hinzufahren. Auch wenn der Weg länger und wilder werden sollte, als die Karte vermuten ließ.

Bild: Die Klosterkirche von Bârsana – „Biserica Soborul Sfinților Apostoli“ – mit 57 Metern eine der höchsten Holzkirchen Europas. Bis 2003 sogar die höchste auf dem Kontinent.
Vom Kloster Moldovița über den Prislop-Pass nach Borșa
Nach dem Vormittag im Kloster Moldovița ging es weiter Richtung Maramureș. Nächster Punkt auf unserer heutigen Liste: die Holzkirchen rund um das Kloster Bârsana. Die Karte sagt rund 190 Kilometer und kurvenreich. In der Realität bedeutet das: einer der wildesten Pässe Rumäniens. Nur wusste ich das in dem Moment noch nicht.
Denn während Dani das Wohnmobil souverän über die Straße lenkte, habe ich auf dem Beifahrersitz genau das gemacht, was ich nach sieben Tagen Rumänien offenbar dringend brauchte: Schlaf. Tief und fest – und dabei vermutlich den halben Wald der Karpaten abgesägt.
Genau in dem Moment, als draußen das Beste passierte.

Wir sind über den Pasul Prislop gefahren – mit 1.416 Metern der höchste Straßenpass der Ostkarpaten. Die Nationalstraße DN18 schraubt sich hier in engen Serpentinen über die Wasserscheide zwischen Bukowina und Maramureș und streift dabei gleich drei rumänische Kreise: Suceava, Bistrița-Năsăud und Maramureș.
Anfang April liegt hier oben noch richtig Schnee. Nicht diese grauen Reste am Straßenrand, sondern echter Winter. Die Tannen tragen weiße Hauben bis in die Wipfel, der ganze Wald sieht aus, als hätte jemand einmal komplett Puderzucker drübergekippt.
Klassische Bilderbuch-Karpaten und ich habe sie verschlafen.
Irgendwo hinter der Passhöhe wurde ich dann wach. Wir waren mitten in den Serpentinen, Dani ist kurz links rangefahren, ich bin raus, habe die Drohne gestartet – und plötzlich war alles wieder da.
Ich saß im Schnee am Straßenrand, starrte auf das Display, sah die verschneiten Wipfel von oben – und habe mich kollektiv über mich selbst geärgert.

Hinter dem Pass öffnet sich das Tal nach Westen. Die Straße fällt in langen Kurven ab, der Schnee verschwindet langsam, und irgendwann liegt Borșa vor dir – auf den ersten Blick ein typisches Karpatendorf. Holzhäuser, ein paar Pensionen, Baustellen. Bis der zweite Blick folgt. Denn hier liegt eines der überraschendsten Skigebiete Rumäniens. Am Talschluss bringt dich eine moderne 8er-Gondel in wenigen Minuten auf rund 1.650 Meter – und erschließt mit der „Pârtia Olimpică“ die einzige FIS-zugelassene Wettkampfpiste des Landes. Fast drei Kilometer lang, über 700 Höhenmeter, komplett beschneit und mit Flutlicht.

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Sommeraktivitäten rund um Borșa
Im Winter ein Skigebiet – im Sommer eine komplett andere Welt.
Pietrosul Rodnei (2.303 m)
Höchster Gipfel der Ostkarpaten. Anspruchsvoll, aber eine der eindrucksvollsten Touren der Region – wer hier hochgeht, bekommt oben genau das, was man sich von den Karpaten erhofft.
Iezer-See
Gletschersee in der Form Rumäniens. Mit der Gondel von Borșa aus schnell erreichbar oder über den klassischen Aufstieg – eine schöne, eher kürzere Tour mit starkem Ausblick. Oben angekommen: Pause machen, schauen, wirken lassen. Baden? Eher nicht – dafür ist das Wasser selbst im Sommer ziemlich kalt.
Cascada Cailor
Mit rund 90 Metern der höchste Wasserfall Rumäniens. Von der Bergstation in etwa 45 bis 60 Minuten erreichbar – eine einfache Wanderung mit ordentlich Wirkung.
Rodna-Nationalpark
Weitläufiges Schutzgebiet mit Wäldern, Bergwiesen und vielen Möglichkeiten, einfach unterwegs zu sein. Kein Spektakel, sondern Natur, die für sich wirkt.
Für uns war Borșa an diesem Tag nur ein Durchfahren. Kurz durch, weiter – und innerlich schon notiert: Hier komme ich nochmal her.
Irgendwo unterwegs lag auf dem Mittelstreifen ein kleines Kätzchen. Nicht groß, einfach da. Als ich vorbeifuhr, hat es mich noch angeschaut. Ich bin langsam gefahren, fast irritiert, weil es nicht weggelaufen ist. Ein paar Meter weiter fing es an zu rattern im Kopf. Das passt nicht. Das Tier kann da nicht liegen bleiben. Also gedreht. Die Straße war eng, gerade kein Verkehr, links Leitplanke. Mit dem Wohnmobil kein Manöver, das du mal eben machst – aber es ging.
Wir haben direkt vor dem Kätzchen angehalten. Dani ist ausgestiegen, hat nach hinten abgesichert. Ich bin nach vorne.
Das Kätzchen hat aus Nase und Maul geblutet, hat noch geatmet. Nur noch ganz schwach. Ein paar Sekunden später war es vorbei.
Still.
Solch traurigen Momente bleiben. Auch wenn die Straße weitergeht.
Die Holzkirchen von Bârsana
Nach gut vier Stunden Fahrt erreichen wir schließlich die Holzkirchen von Bârsana. Karfreitag. Ein paar Menschen sind unterwegs, aber insgesamt ruhig. Angenehm ruhig. Wir gehen hinauf zum Kloster, hinein in die Anlage – und stehen plötzlich mitten in diesem Ensemble aus dunklem Holz, hohen Türmen und fein gearbeiteten Details. Für uns heißt es jetzt eintauchen in eine fremde Welt.

Bild: Schon am Auftakt geht es ans Eingemachte: links angeschnitten der „Aghiasmatar“ – die offene Weihwasser-Kapelle mit ihren geschnitzten Säulen –, in der Mitte der „Altar de vară“, der Sommer-Altar, rechts der „Turnul Clopotniță“, der Glockenturm. Drei Funktionen, drei eigene Bauten, dicht beieinander.
Was hier entstanden ist, ist beeindruckend. Nicht laut, nicht überladen – sondern präzise. Diese Handwerkskunst, das Spiel mit dem Holz, die Proportionen der Gebäude. Alles wirkt durchdacht, fast filigran, und gleichzeitig massiv.
Ich gehe einmal langsam um die Anlage herum. Das Holz lebt – an manchen Stellen silbern verwittert, an anderen fast schwarz, immer mit Maserung, die aussieht, als wäre sie noch nass von gestern. Die Schindeln auf den Dächern sind klein, präzise gelegt, in mehreren Lagen übereinander. Doppelte Traufen, gestaffelt wie ein langer Rockschoß. Das schützt vor Regen – und hat gleichzeitig etwas erstaunlich Elegantes.

Bild: Drei Türme aus reiner Eiche – links die Klosterkirche „Biserica Soborul Sf. Apostoli“, in der Mitte der Sommer-Altar „Altar de vară“ mit Zwiebelhelm, rechts der Glockenturm „Turnul Clopotniță“.
Drei Türme stehen wie eine Reihe Ausrufezeichen in den Himmel. 57 Meter Höhe sind im Maßstab eines reinen Eichen-Holzbaus schwer in Worte zu fassen – und hier steht man vor dreien gleichzeitig. Aber das ist nur der Anfang. Wer einmal aufmerksam um die Anlage herumgeht, zählt vierzehn unterschiedliche Gebäude, jedes mit eigenem Namen, eigener Funktion und eigener Bauart. Ein Maramureș-Dorf im Kleinen, ordentlich nummeriert auf einer Infotafel am Eingang.

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Das Kloster Bârsana – Geschichte und Wiederaufbau
Bârsana hat eine der ungewöhnlichsten Klostergeschichten Rumäniens: Über 600 Jahre Vergangenheit, dazwischen zwei Jahrhunderte komplettes Verschwinden – und seit den 1990ern ein Wiederaufbau, der allein aus Spenden des Dorfes finanziert wurde.
- Erste urkundliche Erwähnung: 21. Juli 1390, in einem Dokument der Adelsfamilie Dragoș.
- 1791: Auflösung des Klosters unter Kaiser Joseph II., Standort verlassen, zwei Jahrhunderte Stillstand.
- 1993: Wiedergründung als Nonnenkloster. Die neue Klosterkirche entstand 1993–1995, finanziert ausschließlich aus Spenden der Bârsaner.
- Klosterkirche heute: 57 Meter hoch – eine der höchsten Holzkirchen Europas, bis 2003 sogar die höchste auf dem Kontinent (abgelöst von der Săpânța-Peri-Kirche, ebenfalls in Maramureș).
- Bauverantwortliche, namentlich bekannt: Architekt Dorel Cordoș. Maler der Innenfresken Octavian Ciocşan. Zimmerleute Ioan Știopei Buga, Petru Boris, Vasile Rus, Toader Bârsan, Ioan Bârsan, Petru Iura – sechs Männer aus der Region.
- Die 14 Gebäude des Komplexes (laut Infotafel): Klosterkirche (Soborul Sf. Apostoli), Glockenturm (Turnul Clopotniță), Museum (Muzeul Mănăstirii), Kulturzentrum (Centrul cultural „Episcopul Gavril de Bârsana“), Festsaal (Prăznicarul), Nonnenhaus (Casa monahală), Zellen (Chilii), Priorat (Stăreția), Beichtvaterhaus (Casa Duhovnicului), Fürstenhaus (Casa Voievodală), Weihwasser-Kapelle (Aghiasmatar), Sommer-Altar (Altar de vară), Maramureș-Tor (Poartă maramureșeană) und das Wegkreuz (Troiță).
Architektur und Innenraum
Ein paar Schritte weiter steht der Prăznicarul, der Festsaal: ein langgestrecktes Holzgebäude mit umlaufender Galerie, das in seiner Schlichtheit fast mehr beeindruckt als die Türme nebenan. Wenn das Kloster groß einlädt – an Patronatsfesten oder zu Ostern – wird hier gegessen, gesungen, geredet.

Bild: Der „Prăznicarul“ – der Festsaal des Klosters. Mit seiner langen Holzgalerie und dem gewaltigen Schindeldach gehört er zu den eindrucksvollsten Profanbauten der Anlage.
Dahinter, ein Stück abseits, steht ein einzeln stehendes Maramureș-Wohnhaus – die Stăreția, das Priorat. Zweigeschossig, mit Treppenturm in der Mitte, hohem Schindeldach. Wer in den Dörfern entlang des Iza-Tals unterwegs ist, erkennt diesen Haustyp wieder: So bauen die Maramurescher seit Jahrhunderten ihre Häuser, mit denselben Mitteln, mit denen sie ihre Kirchen errichten.

Bild: Die „Stăreția“ – das Priorat, also das Wohnhaus der Äbtissin. Klassisches Maramureș-Wohnhaus, zweigeschossig, mit Treppenturm und gestaffeltem Schindeldach: eine Bauform, die in der Region seit Jahrhunderten so gebaut wird.
Dann hole ich die Drohne raus. Mittlerweile ist sie heute zum dritten Mal in der Luft – aber genau dafür hat man sie ja dabei.

Bild: Aus der Luft wird klar, was vom Boden nicht zu erkennen ist: Das Kloster sitzt wie ein Modell auf einem grünen Plateau, eingebettet ins Iza-Tal. Vor 1791 stand hier schon einmal eine Anlage – 1993 holten die Bewohner Bârsanas sie zurück. Holz für Holz.
Von oben sieht das Kloster nochmal komplett anders aus. Klar verteilt auf einem grünen Plateau, eingerahmt von den Hügeln des Iza-Tals, die Holztürme stechen heraus wie schmale Nadeln.
Video: Drohnenflug an den Holztürmen vorbei – die gesamte Klosteranlage einmal aus der Luft, alles in Bewegung.
Drinnen, unter dem hölzernen Tonnengewölbe der Klosterkirche, ändert sich der Ton noch einmal. Die Wände sind komplett bemalt, mit Heiligen-Szenen über Heiligen-Szenen, und mittendrin: Inschriften in kyrillischer Schrift. Eine Schreibtradition, die im offiziellen Rumänien längst durch das lateinische Alphabet ersetzt wurde – im Inneren dieser Kirche lebt sie weiter.

Bild: Blick in die Klosterkirche – „Biserica Soborul Sf. Apostoli“ – mit dem charakteristischen Spitzturm. Unter dem hölzernen Tonnengewölbe Fresken von Octavian Ciocşan mit Inschriften in kyrillischer Schrift.
Wer hier eigentlich lebt
Etwa fünfzehn Schwestern leben dauerhaft im Kloster, geleitet seit 1994 von Äbtissin Mutter Filofteia Oltean, die den gesamten Wiederaufbau begleitet hat. Morgens und abends um sieben ist Liturgie, dazwischen pflegen die Schwestern Gärten und Werkstätten, malen Ikonen, betreuen Pilger. An ruhigen Tagen wie unserem Karfreitag wirkt alles fast unscheinbar – am Patronatsfest am 30. Juni füllen Zehntausende Gläubige denselben Hof.
Eintritt? Heute Fehlanzeige. Karfreitag, große Feiertagsruhe, niemand am Tor, das Eingangshäuschen leer. Ob das immer so ist, kann ich nicht sagen – bei orthodoxen Klöstern variiert das. Üblicherweise steht entweder eine Spendenbox am Tor oder es wird ein kleiner Beitrag fürs Museum erhoben.
Einen Kilometer weiter unten im Dorf, oben auf dem Hügel Jbar, steht übrigens die wesentlich ältere und eigentliche Welterbe-Kirche: „Intrarea Maicii Domnului în Biserică“ – Mariä Tempelgang. Sie wurde 1720 als Dank für die Errettung von der Pest gebaut und gehört seit 1999 zum UNESCO-Welterbe. Bei diesem Karfreitag-Besuch reichte die Zeit dafür nicht mehr. Als ich Anfang Juni zurückkam, war sie mein erstes Ziel.

Bild: Durch den Torbogen öffnet sich der Blick auf die weitläufige Klosteranlage von Bârsana. Gepflasterte Wege, gepflegte Gärten und die markante Holzkirche vermitteln bereits am Eingang den ersten Eindruck dieses außergewöhnlichen Klosters.
Das Museum des Klosters Bârsana – wo die alte Kirche wieder auftaucht
Beim Karfreitag-Besuch hatte ich das Museum noch links liegengelassen. Bei einem zweiten Besuch Anfang Juni – die Wiesen inzwischen sattgrün, die Anlage im warmen Nachmittagslicht – bin ich schließlich hineingegangen. Das Museum ist zwar überschaubar, überrascht aber mit einer erstaunlichen inhaltlichen Tiefe.
Das eigentliche Highlight sind die Ikonen von Hodor Toader aus dem Jahr 1806. Sie stammen aus der alten UNESCO-Holzkirche auf dem Jbâr-Hügel und wurden von demselben Maler geschaffen, der damals auch ihre Innenwände ausmalte. Ergänzt wird die Ausstellung durch eine kleine Sammlung historischer Bücher aus der Maramureș, darunter ein handschriftliches kirchenslawisches Manuskript von 1561, die Cazania lui Varlaam (1643), das Neue Testament von 1648, die Îndreptarea Legii (1652) und die Bukarester Bibel (1688).
Die beiden weiteren Ebenen zeigen einen Nachbau eines traditionellen Bauernhauses aus dem Iza-Tal mit originalgetreuen Alltagsgegenständen sowie die Handarbeiten der Nonnen – darunter auf Glas gemalte Ikonen, gewebte Stoffe und Stickereien, die direkt vor Ort verkauft werden.
Das eigentliche UNESCO-Welterbe
Das Museum weist auf einem seiner Schilder ausdrücklich darauf hin, dass die alte Holzkirche von 1720 auf dem Jbâr-Hügel zum UNESCO-Welterbe gehört. Das heutige Kloster selbst gehört dagegen nicht zum UNESCO-Welterbe. Dieser Hinweis hilft, eine häufige Verwechslung zu vermeiden und macht deutlich, dass es sich um zwei unterschiedliche Bauwerke handelt.
Die UNESCO-Holzkirche auf dem Jbâr-Hügel
Anfang Juni bin ich zuerst nicht zum Kloster im Tal gefahren, sondern einen Kilometer weiter die Dorfstraße hinauf – dorthin, wo Bârsana seinen Weltruhm eigentlich her hat. Auf dem Jbâr-Hügel, ein Stück abseits der Straße, steht die alte Holzkirche „Intrarea Maicii Domnului în Biserică“ (Mariä Tempelgang). Sie wurde 1720 als Dank für das Überleben der Pest von 1710 errichtet und diente ursprünglich als Klosterkirche der alten Anlage im Tal. 1806 wurde sie Balken für Balken abgetragen, auf den Hügel gebracht und dort wieder aufgebaut – ausgerechnet auf einem alten Pestfriedhof. Kein zufälliger Ort. Ein Kreis, der sich schließt.

Bild: Die UNESCO-Holzkirche „Intrarea Maicii Domnului în Biserică“ steht erhöht auf dem Jbâr-Hügel zwischen alten Obstbäumen und Wiesen. Besonders gut zu erkennen sind die umlaufende Vorhalle, das gestaffelte Schindeldach und der außergewöhnlich schlanke Spitzturm, der zu den typischen Merkmalen der Holzkirchen der Maramureș gehört.
Der Weg hinauf führt über einen schmalen Graspfad, links und rechts wächst das Gras kniehoch. Den schlanken Turm sieht man schon von weitem. Er ragt überraschend hoch in den Himmel und lässt die Kirche größer wirken, als sie tatsächlich ist. Als ich oben ankomme, streicht der erste Windstoß durch die Schindeln und erzeugt ein Geräusch, das in einer Steinkirche nie zu hören wäre: ein leises, trockenes Klopfen von Holz auf Holz.
Die Sprache der Zimmerleute
Beim Umrunden der Kirche fällt der Blick auf die Details. Die doppelte Traufe – dieses gestaffelte Schindeldach, wie eine zweite Schürze über der ersten – wirkt schon von unten wie ein sorgfältig gebundener Umhang. Auf der Eingangsseite öffnet sich eine überdachte Vorhalle: geschnitzte Eichensäulen tragen die Bögen, darunter eine niedrige Brüstung mit rautenförmigen Aussparungen, wie man sie hier auch an den Vorhäusern alter Bauernhöfe findet.

Bild: Die umlaufende Vorhalle schützt die Holzwände vor Regen und Schnee. Geschnitzte Eichensäulen tragen die Bögen, während die niedrige Brüstung mit ihren rautenförmigen Aussparungen an die Vorhäuser alter Bauernhöfe der Maramureș erinnert – ein typisches Merkmal der regionalen Holzbaukunst.
An einzelnen Balken der Vorhalle sind noch dünne, kaum sichtbare Zahlen ins Holz geritzt. Es sind die Nummerierungen der Zimmerleute von 1806, als die Kirche abgetragen und auf dem Jbâr-Hügel wieder aufgebaut wurde. Jeder Balken hatte seine Nummer, sonst hätte am neuen Standort nichts mehr zusammengepasst. Ein Aufbauplan aus einer Zeit, in der noch niemand IKEA kannte.
Wer genau hinsieht, entdeckt daneben weitere Spuren im Holz – kleine Ritzungen, eingeritzte Zeichen und kaum noch lesbare Kürzel. Die Zimmerleute haben ihre Arbeit nicht unterschrieben, aber überall ihre Handschrift hinterlassen. Mehr als zweihundert Jahre später sind diese Spuren noch immer sichtbar.

Bild: Nahaufnahme einer eingeritzten Zimmermannsmarkierung auf einem Eichenbalken der Holzkirche. Solche Zeichen halfen den Handwerkern, die einzelnen Bauteile beim Wiederaufbau an der richtigen Stelle einzusetzen und sind bis heute im Holz erhalten.
Ein Blick durchs Fenster
Die schwere Holztür bleibt verschlossen. An der Tür hängt eine Telefonnummer, unter der Besucher Einlass bekommen sollen. Ich probiere es. Niemand hebt ab. Ein paar Minuten später versuche ich es noch einmal. Wieder nichts.
Also gehe ich einmal um die Kirche herum und spähe durch die kleinen Fenster – eines nach dem anderen, bis sich schließlich ein halbwegs brauchbarer Blick ins Innere ergibt. Was ich erkenne, reicht trotzdem aus: Die Wände sind vollständig bemalt. Heilige, biblische Szenen und ganze Bildgeschichten bedecken das Eichenholz.

Bild: Nur das Licht des kleinen Seitenfensters durchbricht das Halbdunkel und lässt Altar, Ikonen und Teile der historischen Wandmalereien hervortreten. So dürfte der Innenraum seit Jahrhunderten auf Besucher gewirkt haben.
Der Maler heißt Hodor Toader – derselbe Name, der mir später am Nachmittag im Museum des Klosters unten im Tal wieder begegnen wird. Hier begann seine Arbeit: 1806, im selben Jahr, in dem die Kirche auf den Jbâr-Hügel umgesetzt wurde, schuf er die Rokoko-Malereien direkt auf dem Holz. Rokoko in einer orthodoxen Holzkirche der Maramureș – eine ungewöhnliche Kombination, die seit mehr als zweihundert Jahren nahezu unverändert erhalten geblieben ist.
Zugang gibt es nur, wenn jemand die Tür aufschließt. Alle anderen müssen mit dem Blick durchs Fenster vorliebnehmen.

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UNESCO-Welterbe und Praktisches
Bârsana steht nicht zufällig auf der UNESCO-Liste – sondern wegen einer Kirche, die nicht zum Kloster gehört. Hier die Eckdaten und alles, was man für einen Besuch wissen sollte.
Welterbe-Status
Seit 1999 gehört die alte Dorfkirche „Mariä Tempelgang“ auf dem Hügel Jbar zum UNESCO-Welterbe – als eine von acht Holzkirchen der Maramureș. Nicht das Kloster selbst.
Baujahr der UNESCO-Kirche
1720 als Dank für die Errettung von der Pest von 1710. 1806 auf den Hügel Jbâr verlegt – einen ehemaligen Pestfriedhof – und im selben Jahr von Hodor Toader (Rokoko-Malereien) und Ioan Plohod innen bemalt.
Architektonische Besonderheit
die einzige der acht UNESCO-Maramureș-Kirchen mit doppelter Traufe – diese gestaffelte Schindel-Schürze schützt das Holz seit über drei Jahrhunderten vor Regen.
Konstruktion
Komplett ohne Eisennägel – Schwalbenschwanz-Verkämmungen, Zapfenverbindungen, Holznägel. Material: Eichenstämme, Schindeldach aus dünn gespaltener Eiche.
Parken
Vor dem Anstieg zum Klosterhof gibt es ausreichend kostenlose Parkplätze direkt unterhalb der Anlage – auch für größere Fahrzeuge wie Wohnmobile problemlos machbar. Toiletten sind übrigens ebenfalls vor Ort vorhanden.
Eintritt
Das Kloster selbst ist frei zugänglich – auf Nachfrage vor Ort wurde uns bestätigt, dass kein Eintritt erhoben wird. Der Klosterhof ist praktisch rund um die Uhr offen. Das Museum im Kloster kostet für Erwachsene 5 Lei, für Kinder 1 Leu. Für das Fotografieren innerhalb des Museums wird zusätzlich eine Fotogenehmigung benötigt.
Patronatsfest
30. Juni für die Klosterkirche („Soborul Sfinților 12 Apostoli“), 21. November für die UNESCO-Dorfkirche („Mariä Tempelgang“). An beiden Tagen wird Bârsana zum Pilgerziel.
Beste Zeit
Frühsommer, wenn die Wiesen blühen – oder ein Feiertag wie bei uns, wenn die Anlage trotz Besuchern erstaunlich still bleibt.
Die Holzkirchen in Bârsana – Fazit
Wenn du beide Bauwerke besuchen willst, hier mein wichtigster Tipp: Fahr zuerst zur UNESCO-Holzkirche auf dem Jbâr-Hügel und erst danach zum Kloster im Tal.
Das Kloster beeindruckt mit seinem 57 Meter hohen Turm und den vierzehn Holzbauten. Die UNESCO-Kirche dagegen wirkt mit ihren knapp fünfzehn Metern fast bescheiden. Wer zuerst das monumentale Kloster sieht, nimmt die alte Kirche leicht als unscheinbar wahr.
Umgekehrt funktioniert es besser: Wer zuerst die dreihundert Jahre alte Holzkirche erlebt – mit ihrer niedrigen Vorhalle, den Nummerierungen der Zimmerleute und den Rokoko-Malereien hinter den kleinen Fenstern –, erkennt im Kloster keinen Ersatz, sondern die bewusste Weiterentwicklung derselben Bautradition. Größer, moderner und repräsentativer, aber mit demselben handwerklichen Wurzeln.
Was vom Kloster Bârsana bleibt, ist weniger ein einzelnes Gebäude als vielmehr das Gefühl, in eine andere Welt eingetaucht zu sein. Die hohen Holztürme, die geschnitzten Balken, der Geruch des Holzes und die orthodoxen Malereien schaffen eine Atmosphäre, die selbst Menschen erreicht, die mit Religion eigentlich wenig anfangen können. Gerade das macht Bârsana besonders: Das Kloster beeindruckt nicht durch Größe allein, sondern durch die Art, wie Architektur, Landschaft und Geschichte hier zusammenwirken. Wer Rumänien entdecken will und dabei abseits der üblichen Touristenpfade unterwegs ist, kommt an den Holzkirchen der Maramureș eigentlich nicht vorbei.
Wer Bârsana, das Iza-Tal und die anderen Highlights der Maramureș zusammen erleben will – auf meiner geführten Wohnmobilreise durch Rumänien ist das Tag 6.
Nächstes Ziel: der „Fröhliche Friedhof“ von Săpânța
Wir werfen noch einen letzten Blick auf die Türme von Bârsana, steigen zurück ins Wohnmobil und rollen langsam wieder vom Klosterberg hinunter. Lange bleiben können wir heute nicht mehr, denn der Tag hat noch einen letzten Programmpunkt auf Lager. Und der hat einen Namen, den man so vermutlich auch nur in Rumänien erfinden kann: der „Fröhliche Friedhof“ von Săpânța. Noch knapp eine Stunde Fahrt, dann stehen wir zwischen bunten Holzkreuzen, schrägen Sprüchen und einem Ort, an dem selbst der Tod offenbar etwas lockerer genommen wird als anderswo.

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