Ein Tag früher los – warum eigentlich nicht?
Eigentlich war der Plan: morgen starten. Aber irgendwann zwischen Kaffee, Camper und dem leisen Drang, einfach loszufahren, fiel die Entscheidung: Heute. Ohne Plan, ohne festes Ziel – aber mit allem, was wir brauchen. Der Weg ist das Ziel. Und der Appetit kommt mit dem Fahren. Auf nach Polen.
Cottbus – Rehüberquerung mit Stil.
Kurz hinter Cottbus dann fast das abrupte Ende der Reise, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte: Zwei Rehe auf der Autobahn (A15). Ich bremse vorausschauend – alles ruhig, alles kontrolliert. Aber eines der Rehe läuft erst rüber, dann wieder zurück. Ob’s nach dem Weg fragen wollte? Wir wissen es nicht. Vielleicht wollte es uns einfach sagen: Viel Spaß mit dem Wohnmobil in Polen.
Cottbuser Ostsee
Bis nach Polen war es von hier noch ein gutes Stück – und streckenweise vor allem Baustelle. Auf der Bundesautobahn 15 zwischen Cottbus und Roggosen wird kräftig gebaut: Hier entsteht die neue Anschlussstelle Cottbus-Ost als Teil der künftigen Ortsumfahrung der Stadt. Im Baustellenbereich rollt der Verkehr einspurig und mit Tempo 80, der zweite Bauabschnitt soll 2026 fertig werden. Wer diese Route plant, kalkuliert besser ein paar Minuten Puffer ein.
Dahinter steckt ein deutlich größerer Wandel: Vor den östlichen Toren von Cottbus ist aus dem stillgelegten Braunkohletagebau Cottbus-Nord der Cottbuser Ostsee entstanden – mit rund 19 Quadratkilometern der größte künstliche See Deutschlands. Seit 2019 wird das ehemalige Tagebauloch geflutet, Anfang 2025 wurde erstmals der Zielwasserstand erreicht. Wo jahrzehntelang riesige Bagger Braunkohle förderten, entsteht heute eine neue Seenlandschaft – mitten in der Lausitz.
Sagan – Natur, Kiesgrube und Villenblick.
Kurz hinter Forst überquerten wir die Neiße. Auf der anderen Seite des Flusses begann Polen – und das erste Ziel die Stadt Żagań, war nicht mehr weit. „Sagan“ ist der deutsche, „Żagań“ der polnische Name derselben Stadt: Bis 1945 gehörte sie zu Deutschland, seither zu Polen.

👉 Hinweis am Wegesrand
Schloss Sagan – das andere Gesicht der Stadt
Sagan ist mehr als der Hollywood-Film The Great Escape. Im Zentrum der Stadt steht das Żagań Palace, das im 17. Jahrhundert seine heutige barocke Gestalt erhielt und über lange Zeit Sitz der Herzoginnen von Sagan war. Wilhelmine von Sagan führte zur Zeit des Wiener Kongresses einen einflussreichen politischen Salon in Wien und war eng mit Klemens von Metternich verbunden.
Unter Dorothea von Talleyrand-Périgord erlebte die Stadt später ihre kulturelle Blütezeit. Sie stand mit Persönlichkeiten wie Honoré de Balzac, Stendhal, Franz Liszt und Frédéric Chopin in Kontakt und ließ den rund 230 Hektar großen Schlosspark großzügig erweitern und gestalten.
Unser erstes Ziel: Sagan. Laut Park4Night haben hier in der Nebensaison schon Camper direkt am Wasser übernachtet. Wir landen nördlich der Stadt – dort, wo Angler den Nachmittag verbringen und Libellen ihre Runden drehen. Ein paar Meter weiter glitzert das Wasser hinter den Schilfbüschen.

Ob das hier Standard ist? Keine Ahnung. Aber diese Mischung aus Natur, Industrie (Kieswäsche?), Anglern und Architektur hatte ihren ganz eigenen Charme. Doch wer Sagan sagt, stolpert unweigerlich auch über Geschichte – und die liegt nur wenige Kilometer weiter südlich, im Kiefernwald bei Żagań.

👉 Hinweis am Wegesrand
Stalag Luft III in Sagan
Żagań klingt nach Durchfahrtsort: Kiefernduft, Landstraße, schnell weiter. Und dann stehst du plötzlich an einem Ort, an dem „Freiheit“ einmal ganz anders buchstabiert wurde. Im Kiefernwald südlich der Stadt lag das Kriegsgefangenenlager Stalag Luft III – Schauplatz der „Großen Flucht“ von März 1944.
Drei Tunnel, getauft auf „Tom“, „Dick“ und „Harry“. Der berühmte „Harry“ begann in Baracke 104 – zehn Meter tief, gestützt mit Latten aus Bettgestellen, belüftet mit zusammengelöteten KLIM-Milchdosen. Ingenieurskunst aus Verzweiflung. 76 Männer schafften es hinaus, nur drei erreichten schließlich die Freiheit.
Was mit den anderen 73 geschah, erzählt kein Film. Sie wurden wieder gefasst – und für 50 von ihnen endete die Flucht tödlich. Nicht im Gefecht, nicht während der Flucht: Adolf Hitler ordnete persönlich ihre Ermordung an. Hermann Göring warnte vor möglichen Vergeltungsmaßnahmen gegen deutsche Piloten in alliierter Gefangenschaft. Hitler rückte dennoch nicht ab. Am Ende blieb seine Vorgabe: Mehr als die Hälfte der Wiedergefassten sollte sterben.
Der Sagan-Befehl
Als geheimer „Sagan-Befehl“ ging die Anweisung an die Dienststellen der Gestapo. Die Gefangenen wurden in kleinen Gruppen abseits der Straßen erschossen – von hinten, aus nächster Nähe. Die offizielle Lesart lautete: „auf der Flucht erschossen“. Ihre Asche wurde zur Abschreckung ins Lager zurückgeschickt.
Die überlebenden Kriegsgefangenen errichteten für die 50 Ermordeten ein steinernes Mahnmal. Es steht bis heute am Lagergelände in Żagań. Nach dem Krieg spürte eine Sondereinheit der Royal Air Force die Täter auf. 1947 verurteilte ein britisches Militärgericht in Hamburg mehrere Verantwortliche; 13 von ihnen wurden im Februar 1948 hingerichtet.
Der Hollywoodfilm – The Great Escape
Hollywood erzählte später diese Geschichte neu – unter dem Titel „The Great Escape“, in Deutschland bekannt als „Gesprengte Ketten“. Steve McQueen jagt darin auf dem Motorrad über Zäune, Richard Attenborough plant die Flucht – eine stilisierte, aber eindrucksvolle Version jener wahren Ereignisse. Der Film wurde nicht hier, sondern in Bayern gedreht, doch die reale Bühne lag genau unter diesen Kiefern.
Was heute zu sehen ist? Kein Pathos, kein Rummel. Rekonstruktion der Baracke 104, eine Wachturm-Nachbildung, eine Tunnel-Modellstrecke (oberflächennah, gefahrlos nachvollziehbar), dazu Filme, Exponate und ein Gelände, das leise bleibt, selbst wenn Besucher reden.
Museum: Muzeum Obozów Jenieckich – Stalag Luft III
Adresse: ul. Lotników Alianckich 45, 68-100 Żagań, Polen
Öffnungszeiten (Sommer): Di–Fr 10:00–16:00, Sa/So 10:00–17:00, Mo geschlossen.
Öffnungszeiten (Winter): 1. Nov – 1. März, Di–Fr 10:00–16:00, Sa/So 10:00–16:00, Mo geschlossen.
Ticketpreise: Normal 20 zł normal, Ermäßigt 10 zł ermäßigt; Führungen (Englisch) ca. 150 zł/Stunde; Reservierung notwendig.
Webseite Museum – Stabag Luft III, Die Webseite ist auf polnisch, lässt sich dennoch mit dem Übersetzer des Browser gut lesen
Koordinaten: 51.596726, 15.292149
Wir selbst waren nördlich von Sagan unterwegs, irgendwo zwischen Teichen, Villenblick und Kiesgrube. In der Gegenwart – zwischen Anglern, Libellen und einem Himmel, der sich im Wasser spiegelte. Aber der Gedanke an diese Tunnel unter den Kiefern blieb. Vielleicht, weil wir auf Reisen manchmal nicht nur Orte besuchen, sondern Geschichten, die unter der Oberfläche weiterschwingen.
Der Weg dahin? Anspruchsvoll romantisch.
Erst eine Straße, dann ein Waldweg, dann nur noch… ein Weg.
Mal gut befahrbar, mal ausgewaschen, mit Schlaglöchern, die wir lieber umkurvten als durchfuhren. Für Offroad-Fahrer sicher ein Abenteuer. Für uns: eine langsame, konzentrierte Übung in Geduld – aber machbar.

Krakauer, Oliven und unser Sturmkocher.
Am Wasser fanden wir ein ruhiges Plätzchen, packten den Tisch aus, stellten den Sturmkocher drauf – unser treuer Begleiter. Läuft ohne Gas, ohne Strom, nur mit Spiritus. Leicht, kompakt, zuverlässig.Darauf landeten Krakauer – und nein, das ist keine Wurst von der Stange. Kräftig, saftig, rauchig, ein bisschen scharf – mit Charakter. Eine, die auch dann schmeckt, wenn der Himmel wolkenverhangen ist. Dazu ein paar Oliven. Mehr brauchten wir nicht.

Erntezeit & Weitblick in Polen
Zwischen Sagan und Katowice erstrecken sich Felder, so weit das Auge reicht. Überall Mähdrescher, Korn, Silos – fast wie eine Choreografie. Und über allem: ein runder, goldener Mond, der uns lange begleitete.

Planänderung mit dem Wohnmobil: KZ Auschwitz-Birkenau.
Unterwegs der erste konkrete Plan: Mit unserem Camper fahren wir morgen zum KZ Auschwitz Birkenau. Kein leichtes Ziel auf unserer Wohnmobilreise durch Osteuropa und den Balkan. Aber ein wichtiges. Ich war noch nie dort. Pius auch nicht. Und irgendwann war klar: Jetzt einfach weiterzufahren würde sich falsch anfühlen.
Die Goldene Möwe hat geöffnet.
Spätabends, 21:30 Uhr – Hunger. Und wie durch ein Wunder: McDonald’s! In Polen offenbar ein Treffpunkt – die Bude war voll. Speisekarte? Überraschend. Chicken-Sticks mit KFC-Vibes, Burger, die es in Deutschland so nicht kannte. Lecker. Fast Food, ja – aber genau das, was wir in dem Moment brauchten.

Nachtquartier vor dem GYM. Mit dabei: Brunhilde (Seite 32), das Huhn ohne Namen, das noch an seiner Identitätsfindung arbeitet – und Luis, der heute zum ersten Mal Camper gefahren ist. Direkt auf polnischen Straßen. Tapfer, neugierig, gut gemacht. Willkommen im Team, Luis!
Bis morgen – irgendwo hinterm Horizont rechts.
Am nächsten Tag stand für uns einer der schwersten und zugleich wichtigsten Programmpunkte an: der Besuch der Gedenkstätte KZ Auschwitz-Birkenau. Unsere Eindrücke und Erfahrungen haben wir hier festgehalten: → Besuch im KZ Auschwitz-Birkenau

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