Heute gehört Rumänien zu den Ländern, die mich auf meinen Reisen mit dem Wohnmobil am meisten faszinieren. Das Kuriose daran: Nach meiner ersten Begegnung mit diesem Land war ich ziemlich sicher, dass ich freiwillig nie wiederkommen würde.

Rumänien? Einmal und nie wieder – dachte ich.
Es ist inzwischen gut 30 Jahre her. Ich war noch jung, sehr jung und mit einem Nissan 100NX auf dem Weg nach Kreta. Der Weg durch das damalige Jugoslawien fiel wegen des Krieges aus. Also ging es außen herum – und irgendwann landete ich in Rumänien.
Genauer gesagt: in Arad.
Heute schreibe ich begeistert über Rumänien. Damals hätte mein Reisebericht vermutlich eine etwas andere Tonlage gehabt.
Ankunft in Arad
Arad habe ich als grau, dreckig und ziemlich heruntergekommen in Erinnerung. Irgendwo in meinem Gedächtnis haben sich bis heute irgendwelche kupferfarbenen Dächer festgesetzt. Warum ausgerechnet die, weiß ich nicht mehr. Das menschliche Gedächtnis ist schließlich ein merkwürdiges Archiv: Wichtige Dinge verschwinden, aber irgendwelche Dächer in Arad überleben Jahrzehnte.
Unterwegs hatten wir jemanden kennengelernt, an dessen Auto wir uns ein Stück weit dranhängten. Er war auf dem Weg nach Mazedonien und wollte dort ein Hochzeitskleid abholen. Warum ich das nach all den Jahren noch weiß? Keine Ahnung. Vermutlich aus demselben Grund wie die Dächer.
Sehr viel deutlicher ist dagegen meine Erinnerung an das Essen.
Ich hatte Fleisch bestellt.
Zumindest stand vermutlich Fleisch auf der Speisekarte.
Was schließlich vor mir lag, hatte allerdings Eigenschaften, die eher für die Herstellung hochwertigen Schuhwerks gesprochen hätten. Zäh, widerstandsfähig und vermutlich mit einer Lebenserwartung, die meine eigene deutlich übertroffen hätte. Kulinarisch war meine erste Begegnung mit Rumänien damit ebenfalls erfolgreich abgehakt.
Eine Begegnung im Dunkeln
Und dann kam die Nacht.
Irgendwo hinter Arad, es muss zwischen 22 und 23 Uhr gewesen sein, war ich auf einer stockdunklen Straße unterwegs. Straßenbeleuchtung? Fehlanzeige. Und plötzlich war da vor mir etwas.
Ein Ochsengespann.
Mitten auf der Straße, mitten in der Dunkelheit, ein dunkler Karren, davor die Ochsen – und als Beleuchtung irgendeine Funzel, deren Lichtausbeute vermutlich gerade ausreichte, damit derjenige auf dem Karren wusste, dass sie noch brannte.
Ich war natürlich erheblich schneller unterwegs als dieses Gespann. Genau das war das Problem. Bis ich das dunkle Gebilde vor mir überhaupt richtig wahrgenommen hatte, war es verdammt nah.
Für einen sehr kurzen Moment bestand durchaus die Möglichkeit, dass meine Reise nach Kreta mit einer unfreiwilligen Mitfahrgelegenheit auf einem rumänischen Ochsenkarren weitergehen würde.
Toi, toi, toi – es ging gerade noch einmal gut.
Auch dieses Bild ist geblieben: irgendwo nachts hinter Arad, völlige Dunkelheit und plötzlich dieses Ochsengespann vor mir, beleuchtet von einer einsamen Funzel. Rumänien arbeitete damals ziemlich konsequent daran, bei mir einen bleibenden ersten Eindruck zu hinterlassen.
Auch die Weiterreise half dem Land nicht unbedingt dabei, auf meiner persönlichen Beliebtheitsskala nach oben zu klettern.
Die Sache mit der Donaufähre
Irgendwann wollten wir von Rumänien weiter nach Bulgarien und mussten mit einer Fähre über die Donau. Wann die denn komme, wollte ich wissen.
„Fünf Minuten.“
Gut.
Nach einer Weile fragte ich wieder.
„Fünf Minuten.“
Irgendwann noch einmal.
„Fünf Minuten.“
Nach ungefähr acht Stunden hatte ich immerhin etwas gelernt: Rumänische fünf Minuten konnten damals eine bemerkenswerte zeitliche Ausdehnung besitzen.
Während dieser Warterei bekam ich allerdings auch einen ziemlich ernüchternden Einblick in die damaligen Verhältnisse. Eine Roma-Familie wartete ebenfalls dort. Der Vater schlief im Mercedes, während Frau und Kinder draußen ausharrten. Ein Bild, das mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist – und an dem überhaupt nichts lustig war.
Zurück und ein sehr neugieriger Grenzbeamter
Nach Kreta mussten wir irgendwann wieder zurück.
Und damit wieder durch Rumänien.
An der Grenze interessierte sich ein Beamter plötzlich auffallend für meinen persönlichen Besitz. Zunächst hätte er gern eine Stange Zigaretten gehabt. Ich rauchte damals noch – inzwischen bin ich seit 17 Jahren Nichtraucher –, wollte meine Zigaretten aber trotzdem behalten.
Also nein.
Dann hätte er gern eine CD gehabt.
Auch nein.
Meine Papiere entwickelten daraufhin offenbar eine gewisse Abneigung dagegen, wieder in meinen Besitz zurückzukehren.
Erst als ich begann, das deutsche Konsulat anzurufen, nahm die Angelegenheit plötzlich Fahrt auf. Meine Papiere fanden auf wundersame Weise den Weg zurück zu mir und ich durfte weiterfahren.
Danach war Rumänien für mich erst einmal erledigt.
Nicht als Urlaubsziel. Nicht als Sehnsuchtsort. Und ganz bestimmt nicht als ein Land, über das ich irgendwann begeistert Reiseberichte schreiben würde.
Das andere Rumänien
Und dann kam viele, viele Jahre später der Zufall.
Denn geplant war es eigentlich nicht. Irgendwann führte mich mein Weg wieder nach Rumänien – und plötzlich passte dieses Land überhaupt nicht mehr zu dem Bild, das ich jahrzehntelang mit mir herumgetragen hatte.
Ich entdeckte ein Rumänien, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Wunderschöne Städte, die Karpaten, Siebenbürgen, kleine Dörfer, Landschaften, Geschichte und vor allem immer wieder Begegnungen mit Menschen, die mir im Gedächtnis geblieben sind.
Ich fuhr mit ziemlich wenig Erwartung hinein – und kam mit ziemlich viel Begeisterung wieder heraus. Das Ochsengespann, das mir damals nachts fast zum Verhängnis geworden wäre, gibt es übrigens immer noch. Heute begegnet es mir bei Tag und ist mir ein willkommenes Motiv.
Vielleicht fasziniert mich Rumänien heute gerade deshalb so sehr. Weil ich den Unterschied selbst erlebt habe. Weil meine Geschichte mit diesem Land eben nicht mit Liebe auf den ersten Blick begann.
Sie begann mit einem Stück Fleisch in Arad, das vermutlich noch heute als Schuhsohle verwendet werden könnte, einem beinahe übersehenen Ochsengespann irgendwo in der rumänischen Nacht, einer Fähre, die acht Stunden lang „in fünf Minuten“ kam, und einem Grenzbeamten mit ausgeprägtem Interesse an Zigaretten und Musik.
Dass ausgerechnet dieses Rumänien Jahrzehnte später einmal zu einem Land werden würde, das mich derart begeistert, dass ich darüber Reiseberichte schreibe, anderen zeigen möchte, wie schön es dort ist, und gemeinsam mit Menschen im Wohnmobil durch dieses Land reisen will?
Hätte mir das damals jemand erzählt, hätte ich ihn wahrscheinlich für völlig verrückt erklärt.
Hinterlasse einen Kommentar