Es ist der 19. August und ich habe mir etwas vorgenommen: Dani, der Camper und ich verschwinden für ein paar Tage nach Polen. Einfach mal Ruhe. Keine Kamera, keine Drohne, kein Notebook – alles bleibt im Büro. Der Camper soll endlich einmal nur der Erholung dienen, also dem, wofür so ein Wohnmobil eigentlich vorgesehen ist. Ein bisschen fahren, gut essen, wandern, aufs Wasser schauen und ansonsten gepflegt nichts tun. Vor allem aber: kein Reisebericht.
Eines vorweg: Das hat nicht funktioniert.
Wir landeten also in Nowe Warpno, ganz im Westen Polens, im äußersten Zipfel am Stettiner Haff, setzten mit einer kleinen Fähre nach Altwarp in Deutschland über und wieder zurück, trafen einen handzahmen Hirsch mit zwei Namen und probierten auf beiden Seiten die Fischküche – mit einem durchaus überraschenden Preis-Leistungs-Vergleich zwischen Deutschland und Polen. Dann wollten wir aufs Wasser, fanden Kajaks und ein Motorboot, aber niemanden, der sie uns vermieten wollte. Und als wir langsam glaubten, jetzt wirklich alles erlebt zu haben, bereitete der Ort auch noch sein 23. Brassenfest vor. So viel zum Thema Nichtstun.

Nur das iPhone hatte ich natürlich dabei. Also schauen wir einfach mal, was damit geht. Dieser Beitrag ist deshalb fotografisch ein kleines Experiment: keine Vollformatkamera, keine Drohne, nur das Telefon in der Hosentasche. Falls die Bilder diesmal nicht ganz das gewohnte Niveau erreichen – seht es mir nach. Eigentlich sollte es diesen Reisebericht schließlich gar nicht geben.
Ankommen in Nowe Warpno – wo die Möwen die Dächer weiß machen
Angekommen sind wir am Mittwochabend. Das Wohnmobil habe ich zuerst direkt am Fachwerk-Rathaus abgestellt, mit Blick über die Dächer. Die waren irgendwann einmal rot. Oben sind sie inzwischen eher weiß. Der Grund dafür sitzt gleich dutzendweise auf den Firsten: Möwen. Und wer sich darunter mit dem Fahrzeug einen Parkplatz sucht, bekommt mit etwas Glück gleich noch ein individuelles Design dazu.
Der Ort ist schnell erfasst – und genau das ist der Punkt. Ein kleiner Hafen, davor ein Fischer als Denkmal. Am Wasser entlang zieht sich ein breiter Holzsteg, den die Polen „Boulevard“ nennen. Ein ziemlich großes Wort für einen ziemlich ruhigen Spaziergang. Dazu gehört auch ein kleiner Aussichtsturm mit Blick über den Neuwarper See, den Hafen und hinüber Richtung Altwarp. Kein spektakuläres Bauwerk, aber die Aussicht zeigt ziemlich gut, wie viel Wasser und wie wenig Welt hier noch übrig ist.

Mittendrin das Wahrzeichen: das weiß-braune Fachwerk-Rathaus mit seinem markanten Turm und der offenen Glockenlaterne. Von außen könnte man es glatt für eine Kirche halten. Es ist aber tatsächlich ein Rathaus – und zwar ein besonderes: 1697 in Fachwerk errichtet und das einzige erhaltene Fachwerk-Rathaus in ganz Westpommern (mehr dazu im Hinweis am Wegesrand). Ein paar Schritte weiter steht die eigentliche Kirche, ein wuchtiger Backsteinbau mit auffällig großem Kirchenschiff. Und am Ortsrand gibt es sogar einen kleinen Strand mit gespanntem Netz für Volley- oder Wasserball. Alles winzig, aber fein.


👉 Hinweis am Wegesrand
Warum das Rathaus von Nowe Warpno besonders ist
Das Fachwerk-Rathaus stammt von 1697 – erbaut, nachdem der Stadtbrand von 1692 den Vorgängerbau vernichtet hatte. Und jetzt kommt’s: Damals gehörte Neuwarp zu Schweden (Schwedisch-Pommern, 1648–1720). Es ist also ein schwedisch-pommersches Fachwerk-Rathaus, das auf den steinernen Fundamenten seines gotischen Vorgängers steht – der Ort ist so oft abgebrannt, dass man ihn hier „Phönix aus der Asche” nennt.
Das eigentlich Verrückte: Es ist bis heute Rathaus. Seit 1697 sitzt hier ununterbrochen die Stadtverwaltung, und die Gemeinde selbst schreibt, es sei wohl das einzige Rathaus dieser Art in Polen, das noch immer seine ursprüngliche Funktion erfüllt. Da drin residiert also tatsächlich der Bürgermeister – reingehen oder auf den Turm steigen darf man als Tourist trotzdem nicht. Schade eigentlich, denn von oben soll der Blick über Neuwarper See und Altwarp fantastisch sein. Die Turmuhr übrigens kommt aus Berlin, gebaut 1922.
Und weil wir schon bei den Schweden sind: Genau hier draußen auf dem Haff, vor Nowe Warpno, lieferten sich Schweden und Preußen am 10. September 1759 ein Seegefecht. Es war der Siebenjährige Krieg, und die Sache ging für Preußen ziemlich gründlich daneben: Die schwedische Flotte besiegte die preußischen Schiffe und sicherte sich damit die Kontrolle über das Stettiner Haff. Heute stehst du am Boulevard, schaust auf dieses ruhige Wasser und siehst vielleicht einen Angler oder ein Segelboot. Vor gut 260 Jahren wurde hier aufeinander geschossen. Auch das muss man bei diesem verschlafenen kleinen Ort erst einmal auf die Reihe bekommen.
Geschlafen haben wir auf einem großen, sehr ruhigen Parkplatz. Ein einziger weiterer Camper stand rund 150 Meter entfernt – das war hier schon Hochbetrieb. Ehrlich bleibt allerdings auch: Beim Abendspaziergang haben uns die Eintagsfliegen und Mücken gefunden. Mückenschutz gehört hier definitiv ins Gepäck.
Gegessen haben wir am ersten Abend in der Pizzeria: eine „Mafia“-Pizza mit 32 Zentimetern Durchmesser – sehr lecker –, dazu Zanderfilet mit Zitronen-Buttersoße und etwas Gemüse, Pommes, einen griechischen Salat, Wasser und Cola. Rund 36 Euro. Klingt für polnische Verhältnisse erst einmal nicht wenig, relativiert sich aber ziemlich schnell, wenn man aufzählt, was dafür alles auf dem Tisch stand.
Mit der Fähre nach Altwarp – zehn Minuten von Polen nach Deutschland
Am Donnerstag das kleine Abenteuer: mit dem Kutter „Lütt Matten“ über den Neuwarper See nach Altwarp – von Polen zurück nach Deutschland, quer über die Grenze im Wasser. Der „Lütt Matten“ ist ein grün-hölzerner Fischkutter mit gehörig Patina; „ein Hauch von Nostalgie“, wie es auf dem Prospekt heißt, und das trifft es.

Die Überfahrt dauert nur gut zehn Minuten, und in denen wechselt man ganz beiläufig das Land – ohne Schlagbaum, ohne Kontrolle, einfach übers Wasser. Der Kapitän ist ein ausgesprochen netter Kerl, und auf der Fahrt von Polen nach Deutschland hatten wir den Kutter sogar ganz für uns allein.

👉 Hinweis am Wegesrand
Fähre & Ausflüge mit dem Kutter „Lütt Matten“
Fähre Nowe Warpno ↔ Altwarp
Betrieb Mittwoch bis Sonntag (Mo/Di nicht), rund sieben Überfahrten zwischen 10 und 15 Uhr, Fahrzeit ca. 10 Minuten. Einfache Fahrt 5 € pro Person, Kind (4–14 J.) und Hund je 2,50 €, Fahrrad 5 €. Bezahlt wird direkt an Bord.
Haffrundfahrt
Rund eine Stunde über den Stettiner Haff, ab fünf Personen, 15 € pro Erwachsener.
Tagesausflug nach Swinemünde (Świnoujście)
Jeden Montag in der Saison – über das Haff bis ins Fischerdorf Kamminke, von dort per Bustransfer nach Swinemünde, rund fünf Stunden Aufenthalt am Ostseestrand. Praktisch für uns Haff-Camper: Abholung aus Neuwarp ohne Aufpreis. Nur vorher absprechen, dass man auf der Rückfahrt auch wieder in Neuwarp abgesetzt wird und nicht in Altwarp.
Betreiber & Infos: Kutter „Lütt Matten“, C. Bocklage (Altwarp), www.luett-matten-altwarp.de. Angaben nach Fahrplan/Aushang Saison 2026.

Altwarp und Nowe Warpno liefern sich ein stilles Kopf-an-Kopf-Rennen in der Disziplin „Wer schläft tiefer“ – und wenn überhaupt, gewinnt Altwarp um eine Nasenlänge. Ein paar schöne Häuschen, eine Kirche, oben auf dem Friedhof steht noch etwas, dazwischen mehr Ferienhäuser und Pensionen, als es hier je gleichzeitig Gäste geben dürfte. Viele Menschen auf der Straße? Fehlanzeige.
Einen entscheidenden Vorsprung hat Altwarp aber – und der zählt, sobald der Magen knurrt: Hier stehen gleich mehrere richtige Restaurants, mit Speisekarte, Bedienung, dem ganzen Programm. Drüben in Polen bleibt es dagegen bei Imbissen und Fischbuden (dazu später mehr – der Vergleich hat es in sich). Und am Hafen? Ein Campingplatz mit Logenblick aufs Haff, ein kostenpflichtiger Parkplatz und ein paar Imbissstände, die geduldig auf Kundschaft warten, die heute vielleicht nicht mehr kommt.
Inzwischen war es Mittag, der Magen meldete sich, und Dani und ich hatten die gleiche Idee: Fisch, frisch, aus der Region. Also ließen wir uns bei angenehmen 22 Grad Zeit und kehrten schließlich im „Haffstübchen“ ein – traditionelle Küche, Bedienung am Tisch, kein Selbstbedienungsgeschubse. Für Dani gab es Zander und Rotbarsch mit Kartoffeln und Dill-Zitronensoße, für mich eine ganze Scholle mit Bratkartoffeln, die halb über den Tellerrand hing. Kräftig, ehrlich sehr kräftig, dennoch gut – mit zwei Kaffee und einem Wasser 52 Euro.

Hinauf zur Kirche – Altwarps höchster Punkt
Nach der reichhaltigen Stärkung sind wir weiter durchs Dorf gebummelt, hinauf zum höchsten Punkt von Altwarp – dorthin, wo die Kirche steht. Und die ist einen Blick wert, auch wenn sie sich auf den ersten Blick fast trotzig unscheinbar gibt: ein schlichter, turmloser Backsteinbau von 1752, der als bemerkenswert gut erhaltenes Beispiel barocker Dorfkirchenarchitektur in Vorpommern gilt. Turmlos heißt hier wörtlich – weil der Kirche der Turm fehlt, stehen die Glocken kurzerhand daneben: in einem freistehenden, gemauerten Glockenstuhl von 1894, der brav seine drei Glocken trägt. Kirche und Glockenstuhl stehen beide unter Denkmalschutz.

Drinnen hat sich Erstaunliches gehalten, teils älter als die Kirche selbst – ein Altaraufsatz von 1617, ein schwebender Taufengel, eine Grüneberg-Orgel. Der Friedhof ringsum, geweiht 1821, ist der stimmungsvollste Fleck: eine Kapitäns-Ahnengalerie unter freiem Himmel, in der Generationen von Seebären ruhen – die Promis von Altwarp. Und während wir noch zwischen den Grabsteinen standen, bekamen wir ganz unerwartet Gesellschaft.
Der Platzhirsch von Altwarp – und zwar wörtlich
Und dann die Begegnung, wegen der sich der ganze Ausflug schon gelohnt hätte. Mitten im Dorf spaziert seit Jahren ein ausgewachsener Rothirsch herum, als hätte er irgendwann beschlossen, dass der Wald überbewertet ist. Und kein kleiner: ein kapitaler Zwölfender von geschätzt rund 170 Kilogramm, als wir ihn trafen kurz vor der Brunft. Kein scheues Waldtier, das beim ersten Knacken im Unterholz das Weite sucht – sondern ein selbstbewusster Kerl, der von Gartentor zu Gartentor zieht, weil an jedem etwas abfällt. Autos? Ignoriert er, die haben gefälligst zu warten. Zäune? Nimmt er im Sprung, Eigentumsgrenzen sind was für Menschen. So jedenfalls erzählen es die Leute vor Ort. Sie berichten auch, dass er sich sogar streicheln lässt – ein Waldkönig, der sich zum Dorfkater umschulen ließ. Nur zur Brunftzeit zieht es den Hirsch dann wieder in den Wald.

Bleibt die eigentlich simple Frage: Wie heißt der Herr? Die einen sagten felsenfest „Heinrich“, als hätten sie mit ihm die Schulbank gedrückt. Andere bestanden ebenso überzeugt auf „Rudi“ – und auch die regionale Presse taufte ihn 2025 „Rudi“. Zwei Lager, ein Hirsch, kein Kompromiss in Sicht. Aufgelöst hat den Namensstreit schließlich unser netter Kapitän auf der Rückfahrt, ganz beiläufig: Im Ort sind eben beide Namen im Umlauf. Der eine sagt Rudi, der andere Heinrich, und der Hirsch reagiert vermutlich auf keins von beidem, sondern nur aufs Rascheln der Brötchentüte.
13,50 Euro und ein Schwarzkittel
Zurück am Wohnmobil war erst einmal nichts angesagt. Seele baumeln lassen, ein bisschen dösen. Bis plötzlich ein Schwarzkittel über den Parkplatz trabte, im Schilf verschwand und Kurs aufs Haff nahm. Nach dem Hirsch in Altwarp also die nächste tierische Begegnung auf der polnischen Seite.
Nach so vielen unerwarteten tierischen Highlights zog es uns in eine kleine Konditorei, die uns schon am Vorabend aufgefallen war. Der Kuchen dort ist selbst gemacht – und das schmeckte man auch: Quarkkuchen mit Pistaziencreme und Himbeerkuchen mit Sahne und Baiser, dazu ein wirklich hervorragender Americano. 13,50 Euro standen am Ende auf der Rechnung. Für polnische Verhältnisse fand ich das durchaus sportlich, auch wenn die Stücke groß und richtig lecker waren. Der Americano allein war allerdings fast schon Grund genug, noch einmal hinzugehen.
Der einsame Platz direkt am Haff – Skarpa Miroszewo
Am Nachmittag sind wir wenige Kilometer aus Nowe Warpno herausgefahren, Richtung Miroszewo (Skarpa) – und haben dort den Platz gefunden, für den du mit dem Wohnmobil überhaupt erst losfährst. Eine leicht erhöhte Wiese, direkt am Stettiner Haff, das Wasser keine dreißig Meter entfernt. Vor uns lag das Haff nahezu spiegelglatt, ringsherum rührte sich kaum etwas. Kein Motor, kein Nachbar, kein Programm – nur wir, die Wiese und diese unglaubliche Ruhe. Genau für solche Plätze fährt man mit dem Wohnmobil los.

Vorher habe ich sicherheitshalber einen Angler gefragt, ob das mit dem Wohnmobil hier ein Problem sei. Seine Antwort, mit einem Schulterzucken: „Alles gut – hier ist ein Blindspot.“ Also blieben wir. Am Abend kam der Grill zum Einsatz, Krakauer drauf, Stühle nach draußen – und dann wurde in aller Ruhe geschnabuliert, während das Haff langsam dunkel wurde und die Vögel verstummten.

👉 Hinweis am Wegesrand
Der Stettiner Haff-Platz bei Miroszewo (Skarpa)
Lage & Anfahrt
Die „Skarpa“ ist die Kliffkante oberhalb des Stettiner Haffs, ein Ortsteil von Nowe Warpno. In Nowe Warpno rechts Richtung Miroszewo abbiegen und bis ganz ans Ende fahren – bis zum Kliff. Link zum Platz
Übernachten mit dem Wohnmobil
Ein einfacher Naturplatz am Wasser, ohne jede Infrastruktur (kein Service, keine Ver-/Entsorgung). Kein schwieriges Gelände. Ob das offiziell erlaubt oder nur geduldet ist, kann ich nicht sagen – ich habe einen Angler gefragt, der abwinkte („Blindspot“). Der nächste offizielle Campingplatz liegt in Nowe Warpno alternativ der Parkplatz im Ort (tagsüber kostenpflichtig).
Vogelparadies
Der Platz ist ein bekannter Vogelbeobachtungspunkt am Haff. Was wir für „ein paar Enten“ hielten, ist in Wahrheit einer der besten Vogelplätze der Gegend – je nach Saison sammeln sich hier Lach- und Zwergmöwen zu Tausenden, im Juli Trauerseeschwalben in Schwärmen bis zu 10.000 Tieren, von Herbst bis Frühjahr zigtausende Enten. Wer ein Fernglas dabeihat: mitnehmen.
Hinweis: Unter der Woche hat man den Platz fast für sich; am Wochenende ist mit etwas mehr Betrieb zu rechnen.
Wanderung am Stettiner Haff – tiefgrün, still, mit Obst am Wegrand

Nach einer ruhigen Nacht und einem gemütlichen Frühstück (Rührei mit Schinkenspeck) sind wir am Freitag zu einer kleinen Wanderung aufgebrochen, Richtung nächster Ort – nicht oben auf dem Damm, sondern auf einem Weg direkt daneben. Ein typischer Betonspurweg: befestigte Fahrspuren, dazwischen Gras. Ländlicher geht kaum.
Der Weg lief neben dem Damm entlang, der zusehends höher wurde – und dann die überraschte Erkenntnis: Hier draußen gibt es Häuser. Und nicht irgendwelche. Ein riesiges Anwesen mit gewaltigem Reetdach stach heraus (ob privat oder Ferienhaus, keine Ahnung, es war niemand da). Überhaupt fällt auf, wie viele Ferienhäuser in dieser Ecke vermietet werden. Uns war es recht: je leerer, desto besser.
Und wo Wasser, Wiesen und Hochsommer zusammenkommen, waren natürlich auch die Mücken nicht weit. Nicht überall und nicht dramatisch – aber abschnittsweise durchaus zahlreich genug, um sich bemerkbar zu machen.
Was hängen bleibt, ist das Grün. Sattes, teils richtig tiefes Grün, weite Wiesen neben dem Weg, auf einigen standen Kühe. Und Verpflegung gab es direkt aus der Natur: Äpfel (sauer wie Zitronen), Himbeeren und Pflaumen am Wegesrand.

Der nächste kleine Ort, Warnołęka, war nicht spektakulär, aber er hatte – natürlich – eine Fachwerkkirche: ein hübscher, verschachtelter Fachwerkbau aus dem 18. Jahrhundert, bis 1945 evangelisch, seither katholisch, mit einem kleinen Fachwerkturm samt Kugel und Kreuz. Eine Bank für die Pause gab es nicht, also wurde improvisiert: Ein Baumstumpf, auf dem sich etwas getrocknetes Gras angesammelt hatte, musste als Sitzplatz herhalten. Dort machten wir unser kleines Picknick, packten das mitgebrachte Essen aus und stärkten uns für die fünf Kilometer Rückweg. Knapp zehn Kilometer hin und zurück – für eine kleine Freitagswanderung völlig ausreichend.

Kajaks da, Boote da – nur niemand, der sie vergibt
Zurück in Nowe Warpno: schnell einkaufen im Supermarkt, und dann wollten wir am Campingplatz direkt am See eigentlich aufs Wasser. Und hier zeigte sich das eigentliche Wesen des Ortes. Dabei lag es ganz sicher nicht am Campingplatz selbst. Der machte, soweit wir ihn uns ansehen konnten, sogar einen ziemlich guten Eindruck. Direkt am See gelegen, mit eigenem Strand, Steg und einer Infrastruktur, bei der eigentlich alles vorhanden war, was man für ein paar entspannte Tage am Wasser braucht.
Auch Kajaks lagen bereit. Ein kleines Motorboot am Steg hätte man offenbar ebenfalls mieten können. Eigentlich beste Voraussetzungen also. Nur fehlte eine entscheidende Kleinigkeit: Menschen. Zwei Camper waren gerade dabei, ihre Sachen zusammenzupacken und offensichtlich abzureisen. Ein weiterer stand noch dort, dazu zwei andere, bei denen es zumindest so aussah, als könnten sie länger oder vielleicht sogar dauerhaft auf dem Platz stehen. Sicher sagen konnten wir das allerdings nicht. Insgesamt wirkte der Campingplatz jedenfalls erstaunlich leer – und das mitten im August.

Und damit wurde es etwas absurd: Die Kajaks waren da, nur wollte oder konnte sie uns niemand geben. Das Motorboot lag am Steg, nur war auch dafür niemand greifbar. Ein schöner Campingplatz direkt am See, Strand, Steg, Boote – alles vorhanden. Nur derjenige, bei dem man das Ganze hätte bezahlen und tatsächlich nutzen können, fehlte. So standen wir schließlich an einem Ort, der eigentlich ziemlich viel zu bieten hatte, und konnten davon erstaunlich wenig nutzen.

👉 Hinweis am Wegesrand
Übernachten am Haff – Deutschland und Polen im Vergleich
Wir selbst haben frei gestanden, aber wer lieber auf den Platz fährt, hat auf beiden Ufern eine Option (Stand Saison 2026, ohne Gewähr):
Polnische Seite – Camping Mila (früher „Okeanos“), Słoneczna 23 in Nowe Warpno: direkt am Neuwarper See mit eigenem Strand und Steg – der Platz, der bei uns fast verlassen wirkte. Laut Preistafel vor Ort: Stellplatz fürs Wohnmobil 80 Zł, dazu 20 Zł pro Person (Kind 15 Zł) und 15 Zł Strom pro Tag – für zwei mit Camper und Strom rund 135 Zł, also etwa 30 € plus kleine Kurtaxe. Kajaks gäbe es hier übrigens auch (25 Zł die Stunde) – nur muss jemand da sein, der sie herausgibt.
Deutsche Seite – Wohnmobilstellplatz Hafen Altwarp, der nordöstlichste Hafen Deutschlands: 19 € pro Nacht inklusive Strom und Nebenkosten, dazu 1 € Kurabgabe pro Person, Hund 2 € – für zwei also rund 21 €. Ganzjährig, rund 70 Plätze, teils direkt an der Mole mit Haffblick.
Und jetzt die Überraschung: Die deutsche Seite ist am Ende sogar die günstigere – rund 21 € inklusive Strom und Nebenkosten gegenüber etwa 30 € plus Kurtaxe drüben. So viel zum Reflex „in Polen ist alles billiger“.
Fisch, Fritten und ein ehrlicher Preisvergleich
Auch gastronomisch war der erste Eindruck an dem Tag eher ernüchternd. In Nowe Warpno schließt vieles schon gegen 18, spätestens 19 Uhr; die Pizzeria ist die Ausnahme. Zuerst schauten wir uns die Smażalnia Szczupak an, eine Fischbraterei – Bedienung an der Theke, Preise so um 15–17 € fürs Fischgericht. Für das Bedienungskonzept nicht gerade preiswert.
Gelandet sind wir schließlich in der rustikalen Hafentaverne – auch hier bestellst, holst selbst dein Essen und zahlst an der Theke, aber der Charakter ist ein ganz anderer. Wir hatten Zander mit Pommes, Ostsee-Dorsch mit Pommes, eine Fischsuppe, eine Gulaschsuppe, eine Zitronenlimonade und eine Cola: zusammen 180 Zł, also grob 42 € für zwei. Die Portionen waren ordentlich, dazu gab es drei hausgemachte Salate (Weißkohl, Rote Bete, Sauerkraut) und eine richtig gute Fischsuppe.

Der ehrliche Vergleich mit Altwarp: Dort hatten wir 52 € bezahlt – aber mit Bedienung am Tisch, ganzer Scholle, aufwendiger angerichteter Fischplatte. Rechnet man aus den 42 € in Polen die beiden Suppen (~13 €) heraus, bleiben ~29 € für zwei Fischgerichte und zwei Getränke. Polen ist also merklich günstiger – aber die Vorstellung „auf der polnischen Seite ist alles spottbillig“ stimmt so nicht. Der Unterschied ist real, aber differenzierter. Und Altwarp ist für das Gebotene keineswegs teuer.
Drei Tage nichts los – und dann das Brassenfest
Und dann noch eine Pointe, mit der uns dieser Ort noch einen mitgab.
Freitagnachmittag, exakt 14:38 Uhr. Ich hatte es mir im Wohnmobil gemütlich gemacht und war ein bisschen eingedöst, Dani saß am Fenster und beobachtete draußen das überschaubare Treiben. Kurz zuvor war sie noch am Parkautomaten gewesen und hatte bis 18 Uhr bezahlt – tagsüber ist der Parkplatz schließlich kostenpflichtig.
Dann rollte ein städtischer Iveco mit Pritsche an.
Drei Mann stiegen aus. Einer nahm eine schwarze Folie und begann, den Parkautomaten darin einzuwickeln. Die anderen beiden schauten zu. Dani musste lachen. Keine Stunde, nachdem sie dort unser Parkticket bis 18 Uhr bezahlt hatte, wurde das Ding vor ihren Augen außer Betrieb genommen und sorgfältig verpackt. Unsere erste Erklärung war entsprechend naheliegend: Die haben für dieses Jahr offenbar genug eingenommen. Saison beendet. Automat eingepackt. Feierabend.

Ganz so war es dann doch nicht.
Ein Blick in den Veranstaltungskalender der Gemeinde lieferte die tatsächliche Erklärung: Ausgerechnet am nächsten Tag, Samstag, 22. August, steigt hier das XXIII. „Święto Leszcza“ – das 23. Brassenfest. Ab 14 Uhr im Park an der Wioska Żeglarska und direkt im Hafenbereich.
Und plötzlich wird aus dem Ort, bei dem wir uns drei Tage lang gefragt hatten, wo eigentlich alle Menschen sind, eine ziemlich große Veranstaltung: Fischsuppe aus der Feldküche, Pierogi-Wettessen, geräucherter Fisch und regionale Spezialitäten, Handwerks- und Gastronomiestände, Angebote für Kinder, ein offenes Mikrofon für die Einwohner, Konzerte – unter anderem Anna Nowik mit Band – und zum Abschluss Tanz unter freiem Himmel mit DJ. Radio Szczecin sendet live. Gefördert wurde das Ganze sogar aus dem europäischen Fischereifonds, ausdrücklich zur Pflege der örtlichen Fischerei- und Kulturtradition. Das Motto: „Zanurz się w tradycji Nowego Warpna“ – „Tauch ein in die Tradition von Nowe Warpno“.
Damit bekam auch der Iveco mit der schwarzen Folie nachträglich einen Sinn. Die drei Männer beendeten nicht die Saison. Sie bereiteten offenbar den Park auf das Fest vor. Kostenloses Parken gehörte zum Brassenfest dazu.
Drei Tage lang haben wir uns gefragt, ob hier überhaupt jemals etwas passiert – und kaum wollen wir weiter, feiert der ganze Ort. Und trotzdem sind wir gefahren. Ganz bewusst. Wir wollten noch in Stettin shoppen und das Wetter für den nächsten Tag sah auch nicht gerade danach aus, als müssten wir unsere Pläne für ein Brassenfest über den Haufen werfen.
Also überlassen wir das 23. Brassenfest diesmal den Einheimischen. Vielleicht ist es sogar die passendste Schlusspointe für Nowe Warpno: Dieser Ort ist nicht tot. Er wartet nur offenbar ziemlich genau darauf, dass wir abreisen.
Fazit – für wen sich Nowe Warpno lohnt
Nowe Warpno ist kein Ort für Leute, die Programm brauchen. Eine große Liste an Sehenswürdigkeiten gibt es nicht, abends ist wenig los, die Infrastruktur ist da, aber nicht immer besetzt. Was es gibt: einen kleinen Hafen, ein Fachwerk-Rathaus, wie es das in Polen kaum ein zweites Mal gibt, den Kutter nach Deutschland und zurück nach Polen, Möwen auf den Dächern, auf der anderen Seite des Wassers einen zahmen Hirsch – und vor allem Ruhe. Sehr viel Ruhe.
Und dann, wenn Du es am wenigsten erwartet, doch ein Fest. Genau das ist Nowe Warpno: ein Ort, der so tut, als schliefe er – und einem zum Abschied augenzwinkernd zeigt, dass er sehr wohl feiern kann. Wer mit dem Wohnmobil unterwegs ist, das eigene Tempo mag und den Reiz der Leere versteht, ist hier goldrichtig. Am Arsch der Welt – und das ist, ich bleibe dabei, ein Kompliment.

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