
Polen als Reiseziel – viel mehr als Tanken und Einkaufen
Polen war für mich lange das Land, durch das ich fahre, um woanders anzukommen. Was rückblickend schon ein bisschen absurd ist, denn von zu Hause brauche ich gerade einmal eine gute halbe Stunde bis zur Grenze bei Forst. Polen lag also praktisch vor der Haustür – nur auf die Idee, dort Urlaub zu machen, bin ich lange nicht gekommen. Polen, das war günstig tanken, günstig einkaufen und ansonsten die Gegend, durch die es Richtung Rumänien oder Balkan ging. Volltanken, zurückfahren. Oder volltanken, weiterfahren. So ungefähr sah mein touristisches Konzept für Polen aus.
War vielleicht nicht mein klügster Reiseplan. Denn wer Polen nur von der Tankstelle, vom Einkauf oder aus dem Autofenster kennt, verpasst ziemlich viel: mittelalterliche Marktplätze, die Hohe Tatra, endlose Kornfelder und ganz im Nordwesten ein stilles Haff an der deutschen Grenze. Inzwischen halte ich also öfter an – und genau darum geht es auf dieser Seite. Hier sammle ich meine Reisen durch Polen: kein Reiseführer von der Stange, sondern Orte, Geschichten und Erfahrungen, die mir unterwegs tatsächlich begegnet sind.
Polen – Ein Land, das sich verändert hat
Ehrlich gesagt hatte ich Polen unterschätzt. Wer das Land noch mit Bildern von vor zwanzig oder dreißig Jahren im Kopf hat, dürfte sich heute an vielen Ecken wundern. Die Autobahnen sind neu und gut, über sie spannen sich riesige, dicht bewachsene Grünbrücken, wie ich sie in Deutschland noch nicht gesehen habe. Altstädte sind herausgeputzt, die Gastronomie hat Niveau und bargeldloses Bezahlen ist fast überall selbstverständlich. Und dann gibt es noch BLIK – ein polnisches Bezahlsystem, bei dem Deutschland kurz so wirkt, als hätte es beim Thema Digitalisierung eine Ausfahrt verpasst. Dass die polnische Wirtschaft kräftig wächst, überrascht bei diesem Eindruck kaum: 2025 legte sie mehr als doppelt so stark zu wie im EU-Durchschnitt. Und ja, ich finde, diese Entwicklung ist in Polen deutlich sichtbar.
Und trotzdem ist Polen kein durchgestyltes Land. Zwischen den modernen Städten liegen Regionen, in denen die Uhren langsamer ticken: Dörfer mit Obstständen am Straßenrand, Feldwege, die irgendwann nur noch Weg sind, und einsame Seeufer, an denen weit und breit keine Menschenseele zu sehen ist. Ein paar Kilometer vorher noch moderne Autobahn, wenig später fragt sich das Navi vermutlich selbst, was es hier eigentlich soll. Genau diese Bandbreite macht für mich einen großen Teil des Reizes aus: Aufbruch hier, Ruhe da – und dazwischen ein Polen, das viel mehr zu bieten hat, als ich ihm lange zugetraut habe.

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BLIK: Bezahlen auf Polnisch
Polen hat mit BLIK sein eigenes mobiles Bezahlsystem – und das ist längst keine kleine Spielerei mehr. BLIK steckt direkt in den Apps vieler polnischer Banken. Damit lässt sich im Geschäft und online bezahlen, am Geldautomaten Geld abheben oder Geld direkt an eine Telefonnummer schicken. Für bestimmte Zahlungen erzeugt die Banking-App einen sechsstelligen Code, der nur zwei Minuten gültig ist. Das System gibt es seit 2015 und gehört inzwischen ganz selbstverständlich zum polnischen Alltag. Wer aus Deutschland kommt, wo wir uns gelegentlich noch darüber freuen, wenn das Kartenlesegerät überhaupt funktioniert, darf kurz neidisch werden.
Städte und Kultur: Breslau und Krakau
Zwei Städte haben mich besonders gepackt, und beide zeigen ein anderes Polen. Breslau habe ich mir an einem einzigen spontanen Sonntag vorgenommen – 250 Kilometer für einen Tagesausflug, warum nicht. Was mich erwartete, war eine junge, bunte Studentenstadt voller Gaukler, Feuerspucker und lebender Statuen. Dazu kommen die berühmten Bronzezwerge, deren Geschichte als Protest gegen das kommunistische Regime begann und die heute zu Hunderten in der Altstadt sitzen. Irgendwann erwischt es jeden: Der Blick wandert nicht mehr über die prächtigen Fassaden, sondern nur noch knapp über dem Pflaster auf der Suche nach dem nächsten Zwerg. Mittags handgemachte Piroggen gegenüber dem gotischen Rathaus – so darf ein Sonntag laufen.

Krakau ist noch einmal eine andere Nummer – eine Stadt wie ein aufgeschlagenes Geschichtsbuch, nur mit deutlich mehr Fußkilometern. Von der Weichsel hinauf zum Wawel, weiter zum Oskar-Schindler-Museum und schließlich auf den riesigen Rynek mit seiner stündlichen Trompetenfanfare. Mein Geheimtipp liegt ausgerechnet unter all dem: das unterirdische Museum direkt unter den Tuchhallen, in dem das mittelalterliche Krakau ein paar Meter unter dem heutigen Marktplatz wieder auftaucht. Ein Tag reicht, um sich in Krakau zu verlieben. Für die Füße reicht er allerdings auch. Abends sind die Beine schwer und der Kopf voll – im besten Sinne.

Geschichte, die bleibt: Żagań und Auschwitz
Polen lässt sich kaum bereisen, ohne seiner Geschichte zu begegnen – und die liegt näher beieinander, als dir lieb ist. Gleich hinter der Neiße liegt Żagań, das frühere Sagan: auf der einen Seite das barocke Herzogsschloss mit seinem weitläufigen Park, auf der anderen der Kiefernwald des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag Luft III. Von hier startete 1944 die als „Große Flucht“ bekannt gewordene Massenflucht alliierter Kriegsgefangener. Heute rauschen dort wieder die Kiefern, doch die Geschichte ist geblieben.
Eine ganz andere Dimension ist Auschwitz-Birkenau. Das ist kein Ausflugsziel und keine Sehenswürdigkeit, die auf einer Liste abgehakt wird. Es ist ein Ort, dem du dich stellst. Ich habe meinen Besuch deshalb bewusst nicht zwischen Tipps und Checklisten erzählt, sondern als das, was er für mich war: ein Tag, der bleibt. Das Praktische steht in meinem Bericht am Ende, wo es hingehört.

Natur und Berge: Zakopane und die Tatra
Wieder ein anderes Gesicht zeigt der Süden. Zakopane, Polens „Winterhauptstadt“ am Fuß der Tatra, zieht rund drei Millionen Gäste im Jahr an – im August so viele, dass mich der Dauerstau schließlich weitertrieb. Geblieben sind die eigene Holzarchitektur, der „Zakopane-Stil“, und die Erinnerung an die schmale Drei-Meter-Brücke von Łysa Polana, über die es hinüber in die Slowakei geht. Nichts für schwache Nerven im Wohnmobil, aber eine gute Geschichte.
Das andere Polen: Nowe Warpno am Stettiner Haff
Und dann gibt es das Polen, das kaum jemand auf dem Schirm hat. Ganz im Nordwesten, am Stettiner Haff und direkt an der deutschen Grenze, liegt Nowe Warpno – ein winziger Ort mit historischem Fachwerk-Rathaus, kleinem Hafen und einer Kutterfähre, die hinüber nach Altwarp in Deutschland schippert. Eigentlich wollten wir hier ein paar Tage lang vor allem eines: nichts tun. Hat hervorragend nicht funktioniert. Wir setzten über die Grenze, trafen in Altwarp einen handzahmen Rothirsch mit zwei Namen, wollten Kajak fahren und fanden zwar Kajaks, aber keinen, der sie uns vermieten wollte. Dazu kamen viel Wasser, noch mehr Ruhe und ein Stellplatz am Haff, bei dem außer Schilf, Vögeln und weiter Landschaft nicht viel los war – also ziemlich viel, wenn genau das gesucht ist.


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Ist Polen sicher?
Für Reisende ist Polen ein entspanntes Land, eine Reisewarnung gibt es nicht. In Städten und öffentlichen Verkehrsmitteln gilt das Übliche: auf Taschendiebe achten, Wertsachen nah am Körper tragen. Zwei aktuelle Punkte solltest du kennen – seit Juli 2025 gibt es wieder Grenzkontrollen an der deutsch-polnischen Grenze (Ausweis griffbereit halten), und seit April 2025 ist das Fotografieren militärischer und strategischer Anlagen wie Brücken, Tunnel und bestimmter Häfen verboten und wird empfindlich bestraft.
Unterwegs mit Auto und Wohnmobil
Für Fahrzeuge bis 3,5 Tonnen ist Polen günstig – die allermeisten Autobahnen und alle Schnellstraßen sind kostenlos, Gebühren fallen nur auf drei privaten Abschnitten an (A1 Danzig–Toruń, A2 Świecko–Konin, A4 Katowice–Krakau). Erst über 3,5 Tonnen greift das e-TOLL-System. Nicht vergessen: Abblendlicht ist ganzjährig auch am Tag Pflicht, und die Alkoholgrenze liegt bei 0,2 Promille – praktisch null. In den Städten wird nach Zonen geparkt; mit dem Wohnmobil ist die äußere Zone meist die stressfreiere Wahl.
Polen – Nicht mehr automatisch billig
Die Vorstellung, in Polen sei alles spottbillig, stimmt so pauschal nicht mehr. Ein Mittagessen in der Breslauer Altstadt lag bei rund 40 Euro, ein Tag Parken im Zentrum zwischen 15 und 18 Euro – meine tatsächlich bezahlten Preise. Dass es deutlich günstiger geht, haben wir gerade erst am Stettiner Haff erlebt: In Nowe Warpno haben wir für zwei Fischgerichte und zwei Getränke rund 29 Euro bezahlt. Wer ein bisschen sucht und die touristischen Zentren verlässt, findet also auch heute noch erstaunlich günstige Restaurants, Stellplätze oder kleine Läden. Polen kann weiterhin günstig – nur eben nicht mehr automatisch. Und bargeldlos zahlen geht praktisch überall.
Kurz gesagt
Polen ist längst nicht mehr nur das billige Nachbarland zum Tanken und Einkaufen – und zum Glück auch kein durchgestyltes Hochglanzziel. Dazwischen liegen moderne Städte und leere Landstriche, schwere Geschichte und leichte Sommerabende, tadellose Autobahnen und Feldwege, die irgendwann beschließen, keine mehr sein zu wollen. Für mich hat sich jedenfalls etwas geändert: Aus „volltanken und zurückfahren“ oder „volltanken und weiterfahren“ ist inzwischen auch „anhalten und bleiben“ geworden. Und wer danach noch weiter will: Meine große Wohnmobilreise durch Osteuropa und den Balkan beginnt ebenfalls in Polen.

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