Mehr als Dracula: Was Siebenbürgen wirklich ausmacht
Manche Namen klingen nach Märchen, bevor man überhaupt dort war. Siebenbürgen ist so einer. Sieben Burgen, dunkle Wälder, Nebel über den Hügeln, irgendwo dahinter angeblich ein Graf mit großen weißen Eckzähnen. Ich gebe zu: Genau dieses Bild hatte ich auch im Kopf, als ich das erste Mal über die Grenze rollte. Und dann war alles ganz anders – größer, freundlicher, wärmer und gleichzeitig geheimnisvoller, als jedes Klischee es hätte einfangen können.
Dieser Beitrag ist mein Versuch, dir Siebenbürgen so zu zeigen, wie ich es erlebt habe: nicht als „DAS MUSS ICH SEHEN“ – LISTE, sondern als einen Landstrich, der seine Geschichten leise erzählt – wenn du dir die Zeit nimmst, hinzuhören. Aus Siebenbürgen habe ich mir ein kleines Buch mit alten Legenden mitgebracht. Einige davon erzähle ich dir hier, weil sie mehr über diese Region verraten als so mancher Reiseführer. Dazu findest du meine ausführlichen Berichte zu den einzelnen Orten, wenn du tiefer eintauchen möchtest.
Was ist Siebenbürgen eigentlich?
Fangen wir mit dem Namen an, denn der verrät schon eine Menge. Siebenbürgen heißt sinngemäß „sieben Burgen“. Woher der Name genau kommt, ist nicht endgültig geklärt – am häufigsten wird er auf sieben Städte der Siebenbürger Sachsen zurückgeführt: Hermannstadt, Kronstadt, Bistritz, Schäßburg, Mühlbach, Broos und Klausenburg. Andere führen ihn auf die „Sieben Stühle“ zurück, die alten sächsischen Verwaltungs- und Gerichtsbezirke. Auf Rumänisch heißt die Region Transilvania, und das lateinische Wort dahinter – trans silvam – bedeutet nichts anderes als „hinter den Wäldern“. Transsilvanien, das Land hinter den Wäldern. Schöner kann ein Landname kaum sein.

Geografisch liegt Siebenbürgen im Zentrum und Westen Rumäniens, eingerahmt von den Karpaten, die sich in einem großen Bogen um die Region legen. Diese natürliche Mauer aus Bergen hat Siebenbürgen jahrhundertelang geprägt – sie hat es geschützt, isoliert und zu etwas ganz Eigenem gemacht. Wer hierher will, muss über oder durch die Berge. Und genau das spürt man noch heute: Siebenbürgen fühlt sich an wie eine eigene Welt.
Was mich von Anfang an fasziniert hat, ist diese Mischung. Deutsche Ortsnamen neben rumänischen, ungarische Einflüsse, sächsische Kirchenburgen, orthodoxe Klöster, mittelalterliche Altstädte, die aussehen, als hätte jemand vergessen, die letzten 400 Jahre stattfinden zu lassen. Siebenbürgen ist kein Ort. Es ist ein Nebeneinander von Kulturen – Rumänen, Ungarn und Sachsen –, die sich hier über Jahrhunderte ineinander verwoben haben.
Wie eng dieses Nebeneinander ist, erzählt eine kleine Legende, die ich zu schön finde, um sie dir vorzuenthalten: Rund ums Feuer saßen einst ein Rumäne, ein Ungar und ein Sachse. Ein Funke sprang auf den Stiefel des Ungarn – der begann sofort, mit den Füßen zu schlagen, vorne, hinten, seitlich, bis der Funke weitersprang. Er landete beim Rumänen, der auf der Erde herumtrampelte und schrie, bis er ihn los war. „Dann kam er zu uns, zum Sachsen. Und wie wir so sind, langsamer, haben wir begonnen, Walzer zu tanzen, auf den Fußspitzen, um nicht mit der Sohle auf den Funken zu treten.“ So erklären sich die Siebenbürger selbst ihre drei Volkstänze – und nebenbei ihren Ruf, ein wenig bedächtiger zu sein als die anderen.

Die Siebenbürger Sachsen – 850 Jahre eine eigene Welt
Wenn du durch Siebenbürgen fährst und dich fragst, warum ein Dorf tief in Rumänien einen deutschen Namen trägt und eine wehrhafte deutsche Kirche in der Mitte hat, dann führt die Antwort weit zurück – über 850 Jahre.

Um die Mitte des 12. Jahrhunderts holte der ungarische König deutsche Siedler ins Land, vor allem aus dem Rhein- und Moselgebiet. Man nannte sie später pauschal „Sachsen“, auch wenn die wenigsten aus Sachsen kamen. Sie sollten die dünn besiedelte Grenzregion urbar machen und verteidigen. Und sie blieben. Fast neun Jahrhunderte lang. Über die Zeit gehörten sie zu sechs verschiedenen Staaten – vom mittelalterlichen Königreich Ungarn über das Fürstentum Siebenbürgen unter osmanischer Oberhoheit, über Österreich und die Habsburgermonarchie bis schließlich, seit 1918, zu Rumänien. Sechs Staaten, ohne umzuziehen. Die Grenzen wanderten, die Menschen blieben.
Über die eigentliche Ankunft der Sachsen gibt es die trockene historische Erklärung – und es gibt die Legende, die mir viel besser gefällt. Sie erzählt von einem jungen Flötenspieler, der vor vielen hundert Jahren in eine Stadt kam und die Menschen mit seinem Spiel erfreute. Doch die Einwohner lohnten es ihm schlecht. Also zog er flötend weiter, und von seinem Spiel angelockt folgten ihm die Kinder. Der Weg war lang, der Zug der Kinder wurde immer größer – bis sie schließlich alle in Transsilvanien landeten. Und die Sachsen, so heißt es, sind ihre Nachfahren. Wer die Sage vom Rattenfänger von Hameln kennt, wird jetzt hellhörig. Genau die.
Heute leben nur noch wenige Siebenbürger Sachsen in der Region – die meisten verließen im Laufe des 20. Jahrhunderts ihre Heimat und wanderten überwiegend nach Deutschland aus. Aber ihre Spuren sind überall. Und das macht die Region auf eine stille Art melancholisch und kostbar zugleich.
Die Kirchenburgen – Rumäniens heimliches Weltwunder
Wenn ich einem Menschen erklären müsste, was Siebenbürgen einzigartig macht, würde ich mit den Kirchenburgen anfangen. Und mit ehrlichem Staunen.
Die Geschichte dahinter ist bitter und beeindruckend zugleich. Als im 13. Jahrhundert die Mongolen einfielen und später, ab dem späten 14. Jahrhundert, immer wieder osmanische Angriffe kamen, standen die sächsischen Dörfer vor einem Problem: Sie hatten keine Ritterburgen, keine Adligen mit Festungen. Also bauten sie sich ihren Schutz selbst – rund um das einzige stabile Gebäude, das jedes Dorf besaß: die Kirche. Sie umgaben sie mit Ringmauern, setzten Wehrtürme darauf, legten Vorratskammern an, in denen bei Belagerung das ganze Dorf Wochen überdauern konnte. So entstand etwas, das es in dieser Dichte nirgendwo sonst auf der Welt gibt: eine ganze Kulturlandschaft aus wehrhaften Kirchen. Rund 150 sind bis heute erhalten, viele UNESCO-Welterbe.


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Kirchenburg Deutsch-Weißkirch
Eine der berühmtesten Kirchenburgen ist Deutsch-Weißkirch (Viscri) – ein UNESCO-Welterbe, das unter anderem durch das Engagement von König Charles III. bekannt wurde, der sich seit Jahren für den Erhalt der sächsischen Dörfer einsetzt. Auch die wuchtige Kirchenburg von Biertan mit ihren drei Ringmauern gehört zum Welterbe. Aber ehrlich: Oft sind es die kleinen, unbekannten Kirchenburgen in den Seitentälern, die am meisten hängen bleiben – weil man sie ganz für sich hat.
Was ich an den Kirchenburgen liebe, sind die Details, die man nur erfährt, wenn man genau hinsieht – oder das richtige Buch mitbringt.
Da ist zum Beispiel der Speckturm. Fast jede Kirchenburg hat einen Turm, der auf den ersten Blick unscheinbar wirkt – früher aber eine gemeinschaftliche Speisekammer war, voller Speck. Geräucherte, meterlange Specktafeln hingen an riesigen Haken von Balken und Wänden. Jede Familie im Dorf hatte ihren Stammplatz und einen eigenen Stempel. Sonntags war Specktag: Der Turm wurde aufgeschlossen, jeder holte seine Wochenportion, und die frische Schnittstelle wurde abgestempelt – so konnte sich niemand an fremdem Speck bedienen. Ein Dieb hätte seine Tat vielleicht verschwiegen, aber allein der Verdacht wirkte disziplinierend. Eine ganze Dorfmoral, aufgehängt an einem Stempel auf einer Speckschwarte.
Ebenso faszinierend sind die vielen kleinen Details, die oft erst auf den zweiten Blick auffallen – wie das Schloss der Sakristei in Biertan. Von außen wirkt es unscheinbar, tatsächlich verbirgt sich dahinter jedoch eine technische Meisterleistung aus dem frühen 16. Jahrhundert. Mit nur einem einzigen Schlüssel werden mehrere Verriegelungsriegel gleichzeitig bewegt. Für diesen raffinierten Mechanismus erhielt das Schloss sogar eine Auszeichnung auf der Weltausstellung 1900 in Paris.

Und dann sind da die bemalten Innenräume, die ihre eigene stille Poesie haben. Während viele sächsische Kirchen mit kunstvoll bemalten Kassettendecken überraschen, erzählen rumänisch-orthodoxe Holzkirchen ihre Geschichten auf ganz andere Weise. Die Decke der Kirche von Zeiden besteht aus 252 bemalten Feldern aus dem Jahr 1702.
Am eindrücklichsten habe ich das jedoch im Kloster Lupșa (Mănăstirea Lupșa) im Arieș-Tal erlebt – einer rumänisch-orthodoxen Holzkirche, die zu den ältesten erhaltenen Holzkirchen Siebenbürgens zählt. Innen ist fast jeder Zentimeter bemalt – von den Wänden bis zur Decke. Man steht in diesem kleinen, dunklen Holzraum und spürt die Jahrhunderte.

Über die bemalten Kassettendecken der sächsischen Kirchen wird übrigens eine schöne Deutung erzählt: Hinten, über dem Balkon der Jugend, finden sich Knospen. Zur Mitte hin öffnen sich volle Blüten. Und näher zum Altar – man könnte auch sagen: zum Alter – erscheinen statt der Blumen Hände, die sich im Gebet zu Gott erheben. So erzählt die Decke sinnbildlich den Weg eines Menschenlebens. Ob die Maler das tatsächlich so beabsichtigt haben, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Aber wer diese Geschichte einmal gehört hat, schaut in solchen Kirchen mit anderen Augen nach oben.
Die Städte & Highlights Siebenbürgens
Hermannstadt (Sibiu) – die heimliche Hauptstadt
Wenn Siebenbürgen ein Herz hat, dann schlägt es in Hermannstadt. Die Stadt, auf Rumänisch Sibiu, war über Jahrhunderte das Zentrum der Siebenbürger Sachsen. Das spürt man bis heute überall in der Altstadt. Große Plätze, farbenfrohe Bürgerhäuser und die berühmten „Augen“ – kleine, schlitzförmige Dachfenster, die aussehen, als würde die Stadt ihre Besucher aufmerksam beobachten – verleihen Hermannstadt einen ganz besonderen Charakter. Für mich gehört sie zu den schönsten Altstädten Osteuropas. Dass Sibiu 2007 Europäische Kulturhauptstadt war, überrascht nach einem Spaziergang durch die Gassen kaum.

Hermannstadt hat mir schon beim ersten Spaziergang gefallen. Richtig lebendig wurde die Stadt aber erst bei einer Stadtführung mit Christian. Mit viel Humor, kleinen Anekdoten und einer entspannten Art führte er uns durch die Altstadt. Nach knapp zwei Stunden hatte ich nicht nur deutlich mehr über die Geschichte der Stadt erfahren, sondern vor allem das Gefühl, Hermannstadt ein Stück besser verstanden zu haben.

Direkt vor den Toren der Stadt liegt außerdem das ASTRA-Freilichtmuseum – eines der größten Freilichtmuseen Europas. Zwischen historischen Bauernhäusern, Mühlen und alten Werkstätten vergeht die Zeit erstaunlich schnell. Ich habe dort einen halben Tag verbracht und hätte ohne Weiteres auch einen ganzen bleiben können. Wer mehr über unseren Besuch erfahren möchte, findet hier meinen ausführlichen Beitrag: Sibiu & ASTRA Museum – zwischen Karpatenblick und Zeitreise.
Kronstadt (Brașov) und Schloss Bran
Brașov, deutsch Kronstadt, ist die zweite große Stadt der Siebenbürger Sachsen und für viele Reisende das Tor nach Siebenbürgen. Die Altstadt schmiegt sich an einen bewaldeten Berg, über dem in großen weißen Buchstaben der Stadtname prangt – fast ein bisschen wie ein transsilvanisches Hollywood, nur mit deutlich mehr Geschichte. Die Schwarze Kirche, der großzügige Marktplatz und die schmalen Gassen laden dazu ein, die Stadt in aller Ruhe zu entdecken.

Wir kamen erst nach Einbruch der Dunkelheit an und übernachteten mit unserem Camper auf dem großen Parkplatz des Coresi Shopping Resort. Das Abendessen war schnell gefunden – die Auswahl war groß – und am nächsten Morgen erledigten wir vor der Weiterfahrt noch unsere Einkäufe. Dabei fiel mir etwas auf, das für Wohnmobilreisende wichtig ist: Das Parken in Brașov kann schnell zur Herausforderung werden. Ich war mit einem gerade einmal sechs Meter langen Camper unterwegs und musste trotzdem genau hinschauen. Wer die Altstadt mit einem größeren Wohnmobil besuchen möchte, sollte die Parkplatzsuche deshalb vorher planen.

Nur wenige Kilometer entfernt wartet schließlich das wohl bekannteste Wahrzeichen der Region: Schloss Bran. Weltberühmt wurde es als „Draculaschloss“, obwohl die Verbindung zwischen Bram Stokers Roman und dem echten Schloss historisch eher lose ist. Die Nacht zuvor verbrachten wir auf einem idyllischen Campingplatz in der Nähe von Bran. Das Wetter spielte zwar nicht ganz mit, doch als wir am nächsten Morgen vor den markanten Türmen standen, war schnell klar, warum dieser Ort jedes Jahr so viele Besucher anzieht. Touristisch? Ja. Sehenswert? Für mich ebenfalls.
Kronstadt und Schloss Bran gehören deshalb auch zu den festen Stationen meiner geführten Wohnmobilreise durch Rumänien.
Schäßburg (Sighișoara) – die lebende Mittelalterstadt

Wenn ich einen Ort in Siebenbürgen nennen müsste, an dem sich das Mittelalter bis heute am ursprünglichsten anfühlt, wäre es Schäßburg. Die von einer Stadtmauer umgebene Oberstadt mit ihrem markanten Stundturm gehört zum UNESCO-Welterbe und zählt zu den besterhaltenen dauerhaft bewohnten mittelalterlichen Städten Europas. Kopfsteinpflaster, enge Gassen, bunte Häuser und alte Wehrtürme lassen schnell vergessen, dass außerhalb der Mauern das 21. Jahrhundert weiterläuft.
Schäßburg gilt außerdem als Geburtsort von Vlad Țepeș, der historischen Figur, die Bram Stoker später als Inspiration für seinen Dracula-Roman diente. Ob die Geschichte stimmt oder nicht – sie gehört heute genauso zu Schäßburg wie der Stundturm selbst.


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Die goldene Kugel auf dem Stundturm
Als der Stundturm fertiggestellt war und das Gerüst entfernt wurde, bemerkten die Schäßburger, dass ihm noch etwas fehlte. Also riefen sie einen Riesen aus einem fernen Land, der goldene Kugeln schmieden konnte. Er setzte eine glänzende Kugel auf die Spitze des Turms – allerdings unter einer Bedingung: Sie bleibt dort nur so lange, bis eines Tages jemand kommt, der groß genug ist, sie mit der Hand zu berühren. Wer das schafft, darf die Kugel ungestraft mitnehmen.
Bis heute ist das sächsische Erbe in Schäßburg lebendig. Neben der evangelischen Bergkirche gibt es mit dem Josef-Haltrich-Gymnasium noch immer eine traditionsreiche Schule mit deutschsprachigem Unterricht.
Klausenburg (Cluj-Napoca) und Alba Iulia (Karlsburg)
Klausenburg, rumänisch Cluj-Napoca, ist die größte Stadt Siebenbürgens und zeigt das moderne Gesicht der Region. Universitäten, Festivals, eine lebendige Kulturszene und unzählige Cafés prägen das Stadtbild. Wer durch die Altstadt schlendert, merkt schnell, warum Cluj heute als eine der dynamischsten Städte Rumäniens gilt.

Ganz anders wirkt dagegen Alba Iulia, das historische Karlsburg. Die gewaltige Festung Alba Carolina zählt zu den größten und besterhaltenen barocken Sternenfestungen Europas. Vor allem aber ist Alba Iulia für Rumänien ein Ort von nationaler Bedeutung: Hier wurde am 1. Dezember 1918 die Vereinigung Siebenbürgens mit Rumänien beschlossen – ein Ereignis, das bis heute als Geburtsstunde des modernen rumänischen Staates gefeiert wird. Deshalb ist der 1. Dezember bis heute der rumänische Nationalfeiertag.

Wir hatten das Glück, Alba Iulia während eines Stadtfestes zu erleben. Die gesamte Festung war voller Menschen, Musik und Leben. Entlang der Bastionen reihten sich unzählige Stände aneinander, überall wurde gelacht, gegessen und gefeiert. Natürlich konnten auch wir nicht widerstehen und machten an einem Grillstand Halt. Das Steak war hervorragend, und als wir schon bezahlen wollten, legte uns der Verkäufer noch ganz selbstverständlich einen Mici – das typische rumänische Hackfleischröllchen – kostenlos dazu. Eine kleine Geste, die mir bis heute in Erinnerung geblieben ist und viel über die Gastfreundschaft der Menschen erzählt.
Turda – Salzkathedrale und Schlucht
Turda hat mich gleich mit zwei außergewöhnlichen Sehenswürdigkeiten überrascht – und beide könnten unterschiedlicher kaum sein.
Die Salina Turda war früher eines der bedeutendsten Salzbergwerke Rumäniens. Heute führt der Weg tief unter die Erde in eine riesige, fast kathedralenartige Halle. Zwischen den gewaltigen Salzkammern drehen sich ein Riesenrad und ein Ruderboot-Teich – eine ungewöhnliche Mischung aus Industriedenkmal, Freizeitpark und unterirdischer Erlebniswelt. Klingt im ersten Moment etwas verrückt, funktioniert aber erstaunlich gut. Allein die Dimensionen der ehemaligen Abbaukammern machen den Besuch zu einem echten Erlebnis.

Nur wenige Kilometer entfernt beginnt die Cheile Turzii, die Turda-Schlucht. Über Millionen von Jahren hat sich hier ein kleiner Fluss tief in den Kalkstein gegraben und eine spektakuläre Schlucht mit steilen Felswänden geschaffen. Für mich war die Wanderung durch die Cheile Turzii eine der schönsten in ganz Rumänien. Der Weg führt über schmale Pfade und kleine Brücken immer wieder direkt am Bach entlang, während links und rechts die bis zu 300 Meter hohen Felswände aufragen.

Meine ausführliche Wanderung findest du hier: Wandern in der Cheile Turzii.

👉 Hinweis am Wegesrand
Gut vorbereitet in die Salina Turda
Für den Besuch der Salina Turda solltest du auch im Sommer eine leichte Jacke einpacken. Unter Tage herrschen ganzjährig angenehm kühle Temperaturen – eine willkommene Abkühlung an heißen Sommertagen, auf Dauer aber doch frisch.
Noch ein Tipp für Fotografen: Bei unserem Besuch war das Fotografieren mit dem Smartphone problemlos möglich. Für meine Vollformatkamera hätte ich dagegen eine Genehmigung benötigt und eine zusätzliche Gebühr bezahlen müssen. Die Regelungen können sich ändern – wer mit einer größeren Kamera fotografieren möchte, informiert sich deshalb am besten vor dem Besuch über die aktuellen Bestimmungen.
Ein Crêpe als perfekter Start
Bevor es für uns hinunter in die Salina Turda ging, stärkten wir uns an einem kleinen gelben Crêpe-Wagen direkt vor dem Eingang. Neben den klassischen süßen Varianten gibt es dort auch herzhafte Crêpes – genau das Richtige vor einem längeren Rundgang durch das Salzbergwerk.
Mit dem Betreiber kamen wir schnell ins Gespräch. Im Winter arbeitet er in der Schweiz, im Sommer verkauft er hier seine Crêpes. Eine sympathische Begegnung, leckeres Essen und für uns ein gelungener Start in den Tag. Wenn du vor dem Besuch noch eine Kleinigkeit essen möchtest, können wir den Stand guten Gewissens empfehlen.
Burg Corvin in Hunedoara – mehr Dracula als Schloss Bran?
Wer bei Siebenbürgen sofort an Dracula denkt, landet meist zuerst bei Schloss Bran. Doch wenn mich jemand nach der beeindruckendsten Burg Rumäniens fragt, fällt meine Antwort eindeutig aus: die Burg Corvin in Hunedoara. Gewaltige Türme, eine lange hölzerne Zugangsbrücke, gotische Säle und verwinkelte Innenhöfe lassen sie wirken, als wäre sie direkt einem Fantasyfilm entsprungen.

Historisch hat die Burg mit Dracula sogar mehr Berührungspunkte als Bran: Der walachische Fürst Vlad III. Țepeș, besser bekannt als Dracula, soll hier zeitweise gefangen gehalten worden sein. Ob die Überlieferungen im Detail stimmen, darüber streiten Historiker bis heute – zur geheimnisvollen Atmosphäre trägt die Geschichte aber bis heute bei.
Für mich ist die Burg Corvin das eigentliche Highlight unter Rumäniens Burgen. Sie wirkt authentischer, monumentaler und trotz ihrer Bekanntheit oft deutlich entspannter als Schloss Bran. Wer nur Zeit für eine einzige Burg in Siebenbürgen hat, dem würde ich ohne Zögern Hunedoara empfehlen.
Meine ausführliche Geschichte: Burg Corvin in Hunedoara – Geschichte mit Biss.
Korund – Keramik und eine Begegnung, die bleibt
Manchmal sind es nicht die großen Sehenswürdigkeiten, die man mit nach Hause nimmt, sondern die Begegnungen am Wegesrand. Eigentlich waren wir auf dem Weg zur Käsemanufaktur in Cund, wo ich mich mit István verabredet hatte. Unsere Route führte jedoch ganz in der Nähe an Korund (Corund) vorbei. Vor der Reise hatte ich gelesen, dass das Dorf weit über Rumänien hinaus für seine traditionelle Keramik bekannt ist. Für diesen kleinen Umweg von rund zehn Kilometern mussten wir deshalb nicht lange überlegen.

Wir bogen spontan auf einen Hof ein – und wurden mit einer Herzlichkeit empfangen, mit der wir nicht gerechnet hatten. Eine ältere Dame führte uns durch ihre Werkstatt und zeigte uns Schritt für Schritt, wie aus Ton, Farbe und viel Erfahrung die typischen Keramiken aus Korund entstehen. Am Ende standen wir mit einer Butterdose und einem Teelicht wieder draußen – und mit dem Gefühl, ein Stück echtes Siebenbürgen mitgenommen zu haben.

Korund ist bis heute das bedeutendste Zentrum der traditionellen Töpferkunst in Rumänien. Entlang der Hauptstraße reihen sich Werkstätten und kleine Familienbetriebe aneinander. Wer hier anhält, kauft nicht einfach ein Souvenir, sondern lernt oft Menschen kennen, die ihr Handwerk seit Generationen weitergeben.
Die Natur: Karpaten, Transfăgărășan und wilde Tiere
So sehr die Städte, Burgen und Kirchen Siebenbürgen prägen – das eigentliche Herz der Region schlägt draußen in der Natur. Die Karpaten umschließen Siebenbürgen wie ein grüner Wall. Dazwischen liegen sanfte Hügel, blühende Wiesen, dichte Wälder und kleine Dörfer, in denen Pferdefuhrwerke bis heute ganz selbstverständlich zum Alltag gehören. Genau diese Mischung macht den besonderen Reiz der Region aus.
Der spektakulärste Weg durch dieses Gebirge ist die Transfăgărășan. In zahllosen Serpentinen windet sich die Hochgebirgsstraße über die Fogarascher Berge vorbei an Wasserfällen, Bergseen und schroffen Felswänden. Für mich gehört sie zu den schönsten Straßen Europas.

Ich hatte dabei richtig Glück. Ich war einen Tag unterwegs, nachdem die Passstraße im Juni nach der Winterpause wieder freigegeben worden war. Entsprechend wenig Verkehr war unterwegs. Auf den knapp 90 Kilometern ließ ich mir fast sechs Stunden Zeit. Immer wieder hielt ich an – mal wegen eines tosenden Wasserfalls, mal wegen eines Aussichtspunktes oder einfach nur, um die Stille der Karpaten auf mich wirken zu lassen. Für mich gehört die Transfăgărășan zu den absoluten Höhepunkten einer Rumänienreise.

Wichtig zu wissen: Die Passstraße ist nur während der schneefreien Monate geöffnet. Je nach Schneelage und Wetter wird sie meist im Juni oder Anfang Juli freigegeben und Ende Oktober oder Anfang November wieder geschlossen. Wer die Strecke befahren möchte, sollte die aktuellen Öffnungszeiten vor der Reise unbedingt prüfen.
In den Wäldern der Karpaten lebt eine der größten Braunbärenpopulationen Europas. Entlang der Transfăgărășan berichten Reisende immer wieder von Bären am Straßenrand – leider kommt es dort auch regelmäßig zu gefährlichen Situationen, weil Tiere gefüttert oder ihnen Menschen zu nahe kommen.
Ich selbst habe Braunbären im Observator de Urși Borzont beobachtet. Hinter einer sicheren Panzerglasscheibe stand plötzlich ein rund 300 Kilogramm schwerer Braunbär vor mir. Zwei weitere Tiere, deutlich leichter, hielten respektvoll Abstand – offensichtlich war sofort klar, wer hier das Sagen hatte. Diese Begegnung hat mir eindrucksvoll gezeigt, welche Kraft und Präsenz von diesen Tieren ausgeht.

Angst ist deshalb nicht angebracht, Respekt dagegen unbedingt. Wie man sich in Rumänien bei einer möglichen Bärenbegegnung richtig verhält und warum das Land trotzdem ein sehr sicheres Reiseziel ist, habe ich im Beitrag „Ist Rumänien sicher für Reisen mit dem Pkw oder Wohnmobil?“ ausführlich beschrieben.

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Die Drachen der Karpaten
Die Rumänen der Hochebene von Harbach erzählen sich seit Generationen eine alte Legende. An Flüssen und Seen sollen Drachen leben – schlangenähnliche Wesen, die die Tore zu einer anderen Welt bewachen. Denn das Wasser, heißt es, fließe sowohl durch das Diesseits als auch durch das Jenseits und verbinde beide Welten miteinander. Die Drachen gelten dabei nicht als grundsätzlich böse. Sie hätten sich lediglich aus den Tälern zurückgezogen und seien heute nur noch selten zu sehen.
Ob man diese Geschichte glaubt oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Doch wer am Abend an einem stillen Karpatenfluss steht, versteht schnell, warum solche Sagen hier entstanden sind.
Die Menschen – das Herz der Reise
Wenn ich ehrlich bin, ist es weder eine Burg noch eine Schlucht, die mir am tiefsten in Erinnerung geblieben ist. Es sind die Menschen.
Auf dem Rückweg vom Bärenbeobachten machten wir einen kurzen Stopp bei Ciumani im Szeklerland, der Gegend um Niklasmarkt (Gheorgheni). Eigentlich wollten wir nur schnell im Supermarkt ein paar Einkäufe erledigen und unser Leergut zurückbringen – seit der Einführung des landesweiten Pfandsystems Ende 2023 funktioniert das in Rumänien ähnlich unkompliziert wie in Deutschland.
Auf dem Parkplatz sprach uns eine Frau namens Ottilia neugierig auf unser Wohnmobil an. Aus dem kurzen Gespräch wurde eine fast einstündige Unterhaltung. Gemeinsam mit der Freundin ihrer Tochter, mit der sie Tourismus studiert hatte, erzählte sie uns von ihrer Heimat und interessierte sich für unsere Reise. Zum Abschied tauschten wir sogar unsere Kontaktdaten aus.
Besonders berührt hat uns ihre herzliche Einladung, noch auf einen Tee oder zum Essen zu ihnen nach Hause zu kommen. Wir mussten leider weiter – aber genau diese spontane Gastfreundschaft ist uns bis heute in Erinnerung geblieben.
Dass Gastfreundschaft in Siebenbürgen Tradition hat, zeigt sogar eine alte Legende aus Biertan. Als einst die Kuruzen, ungarische Aufständische, das Dorf besetzen wollten und am Ortsrand ihr Lager aufschlugen, konnten die Birthälmer nicht anders: Sie brachten den Belagerern aus lauter Gastfreundschaft ein Fass Wein aus dem Keller. Die Kuruzen tranken, bis das Fass leer war – und zogen wieder ab. So wurde die Kirchenburg gerettet. Seither, so erzählt man, muss jeder Neuankömmling so lange mittrinken, bis er unter den Tisch fällt. Nur damit man sieht, was in ihm steckt.

Siebenbürgen mit Wohnmobil oder Pkw – praktische Tipps
Egal ob du mit dem Wohnmobil oder dem Pkw unterwegs bist – ein paar Dinge machen die Reise leichter.
Die Straßen sind besser als ihr Ruf. Die Hauptverbindungen und Autobahnen befinden sich vielerorts in einem guten bis sehr guten Zustand. Trotzdem würde ich gerade in Siebenbürgen die Landstraßen bevorzugen, denn dort erlebt man die Region mit ihren Dörfern, Hügellandschaften und Ausblicken auf die Karpaten erst richtig. Plane dafür lieber etwas mehr Zeit ein. Es kann durchaus vorkommen, dass eine asphaltierte Straße plötzlich in einen Schotterabschnitt übergeht oder der Belag schlechter wird. Ich nehme dann einfach das Tempo heraus und fahre entspannt weiter – bisher bin ich damit immer gut ans Ziel gekommen.
Zum Tempo aber eine ehrliche Beobachtung: Die Rumänen selbst nehmen es mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen – gerade innerorts – nicht immer so genau. Es kann gut sein, dass in der Ortsdurchfahrt zügig überholt wird oder hinter dir jemand drängelt. Lass dich davon nicht anstecken. Als Gast fährst du entspannter, wenn du dich an die Limits hältst. Radarkontrollen gibt es durchaus, und die Ortseinfahrten sind dabei der Klassiker.
Die Vignette ist Pflicht und einer der Punkte, an dem ich anfangs zu spät klüger wurde. Wie die Rovinieta funktioniert und welchen Fehler du dir sparen kannst, erkläre ich hier: Rumänien Vignette – was du wissen musst, bevor es teuer wird.
Tanken ist unkompliziert. Das Tankstellennetz ist dicht, selbst in ländlichen Regionen musste ich nie lange nach einer Tankstelle suchen. Bezahlen funktioniert in der Regel problemlos mit Karte.
Übernachten ist unkompliziert. Es gibt eine wachsende Zahl kleiner, familiär geführter Campingplätze, dazu freie Stellmöglichkeiten in der Natur. Und es gibt überall zahlreiche kleine Pensionen (rumänisch „Pensiune“) – oft günstig, familiär und mit gutem Essen. Wer mit dem Camper unterwegs ist, kann dort ruhig fragen, ob er auf dem Hof oder dem Grundstück übernachten darf. Häufig ist das problemlos möglich – und du kommst schnell mit den Gastgebern ins Gespräch. In größeren Städten wie Brașov sind Parkplätze an Einkaufszentren oft eine praktische Notlösung für die erste Nacht, während es in den Innenstädten mit einem Wohnmobil schnell eng wird.
Die beste Reisezeit ist aus meiner Sicht von etwa Ostern bis in den Herbst hinein. Besonders Mai und Juni, wenn die Wiesen blühen und die Natur in sattem Grün steht, haben mich begeistert. Der September mit seinem warmen Licht und den angenehmen Temperaturen gehört für mich ebenfalls zu den schönsten Monaten. Wer die Transfăgărășan befahren möchte, sollte allerdings beachten, dass die Passstraße je nach Schneelage meist erst im Juni oder Anfang Juli öffnet.

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Siebenbürgen braucht Zeit
Siebenbürgen ist groß. Wer versucht, die Region in einer Woche vollständig zu erkunden, verpasst vielleicht genau das, was sie so besonders macht: die Ruhe, die Begegnungen und die kleinen Momente am Wegesrand. Bleib ruhig einmal zwei Nächte an einem Ort, nimm dir Zeit für ein Gespräch und lass dich auch auf spontane Umwege ein. Vielleicht hatten die Siebenbürger Sachsen mit ihrer besonnenen Art doch recht: Manche Regionen erschließen sich erst, wenn man ihnen Zeit gibt.
Was Siebenbürgen mit einem macht
Ich bin durch viele Regionen Europas gereist, aber nur wenige haben mich so nachhaltig beeindruckt wie Siebenbürgen. Es ist diese besondere Mischung aus Geschichte, Natur und Menschen. Prächtige sächsische Städte, mächtige Kirchenburgen, einsame Karpatenlandschaften und Dörfer, in denen die Zeit manchmal etwas langsamer zu vergehen scheint. Und dann sind da die Begegnungen – Menschen, die einen auf einem Supermarktparkplatz einfach auf einen Tee nach Hause einladen.
Siebenbürgen ist für mich keine Region, die man möglichst schnell abhakt. Sie will entdeckt werden. Wer sich Zeit nimmt, die kleinen Straßen fährt, in den Dörfern anhält und mit den Menschen ins Gespräch kommt, erlebt weit mehr als nur Sehenswürdigkeiten.
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